Für die Weihnachtszeit…


Welche Formen von Gewalt habe ich selbst schon erfahren?                                                                      Wie gehe ich eigentlich mit Konflikten um?                                                                                           Welche Strafen setze ich ein und welche Strafen habe ich schon erfahren?                                                Habe ich mein Kind, meine Geschwister, meine Eltern, meine Freunde, meine Schüler oder unbekannte Personen jemals geschlagen?

Mit diesen Fragen und Problemen wurde ich hier in Ghana schon sehr oft konfrontiert und hat mich nachdenklich gemacht. Nach meinen bisherigen Beobachtungen und Erfahrungen ziehen sich diese Probleme wie ein roter Faden durch die Gesellschaft. An dieser Stelle muss aber betont werden, dass das Folgende auf meinen persönlichen Erlebnissen beruht und nur meine Sichtweiße beinhaltet und somit keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit besitzt. Da mir dieses Thema aber sehr am Herzen liegt möchte ich hier nochmal ausführlicher darüber berichten und vielleicht ein bisschen zum Nachdenken anregen.

Das Thema Gewalt und insbesondere die Gewalt gegenüber Kindern spielt hier eine sehr große Rolle. Besser gesagt spielt das Thema für mich eine sehr große Rolle, denn die Ghanaer machen sich darüber nicht wirklich Gedanken. Bei vielen sitzt es so fest in den Köpfen, dass es schon automatisiert wurde. Auch für die Kinder gehört es zum Alltag, kurzes Beispiel: Wenn die Kinder „Schule“ spielen, steht der „Lehrer“ mit dem Sock vor seinen „Schülern“ und schlägt bei jeder Störung und falscher Antwort zu. Ich habe auch oft das Gefühl, dass es für mich zum Teil schlimmer ist mit anzusehen als für die Kinder, die geschlagen werden. So schlimm es sich anhört, aber auch die Gewalt ist ein Stück weit Kultur und hat lange „Tradition“. Die Kinder wachsen damit auf und kennen es nicht anders. Sprüche von Seiten der älteren Schüler wie „Ich möchte keine Strafarbeit machen, warum kannst du mich nicht einfach schlagen?“ sind durchaus möglich!

Aber dies als Rechtfertigung hinzunehmen und das Thema damit zu beenden wäre zu einfach, schließlich wurden Kinder bei uns in Deutschland auch noch bis vor nicht allzu langer Zeit geschlagen, sowohl Zuhause als auch in der Schule. Und wenn wir ehrlich sind, gibt es in Deutschland auch heute noch genug Kinder, die von ihren Eltern geschlagen werden, auch wenn es gesetzlich verboten ist.

In Ghana beginnt es mit den ganz kleinen Kindern im Kindergarten. Zum Teil werden sie mit der Hand geschlagen, aber zum Teil auch richtig fest mit dem Stock. Gehorsam wird sehr groß geschrieben und so wird versucht den Kindern Disziplin und Gehorsamkeit zu vermitteln. Doch die eingesetzten Mittel finde ich schon sehr fraglich, denn was dabei herauskommt ist Angst und kein Respekt. Die Kinder gehorchen den LehrernInnen weil sie Angst vor ihnen haben, sonst aber auch nichts. Eine Folge des Schlagens ist sicherlich der Verlust von Respekt und Achtung vor den LehrerInnen. Hätten die Lehrerinnen im Kindergarten den Kids Respekt vermittelt, hätten die Kinder auch vor mir Respekt. Das ist aber nicht der Fall und da sie vor mir auch keine Angst haben sind wir wieder bei null. Da die Kinder nun aber schon so auf das Schlagen fixiert sind, ist es für mich alleine unmöglich daran etwas zu ändern, vor allem wenn dazu noch die Kommunikationsprobleme kommen. Ich glaube auf weitere Auswirkungen des Schlagens auf die Kinder muss ich nicht groß eingehen. Die Folgen reichen von Rückzug, Isolation, Furcht, Stagnation der Entwicklung, Schulversagen… bis hin zur Selbstverletzung.                                                                                                                                       Ganz erstaunt schaute mich eine Lehrerin an als ich zu ihr meinte, dass Schulleistungen durch Schlagen nicht besser sondern eher schlechter werden. Ein Mädchen wurde von ihr geschlagen, weil sie einen Buchstaben nicht schreiben konnte. Das Mädchen war danach so blockiert, dass einfach nichts mehr ging. Aber das hat die Lehrerin nicht so ganz verstanden und hat es weiter mit Schlagen versucht, ohne Erfolg! Selbst Kinder mit einer geistigen Behinderung werden übrigens geschlagen, diese sind danach gar nicht mehr ansprechbar da sie überhaupt nicht begreifen was eigentlich gerade geschieht.

Ein Stock in die Hand zu nehmen um damit auf die Kinder einzuschlagen um etwas zu erreichen oder zu bewirken ist für mich kein Zeichen von Stärke sondern eher eines von Schwäche. Auf diese Art und Weiße wird jeder sein momentanes Ziel erreichen, doch über das eigene Verhalten sowie an die Folgen für das Kind wird nicht nachgedacht. Mir leuchtet schon ein, dass der Stock die schnellste und effektivste Strafe in dem Moment ist, aber sicherlich nicht auf lange Sicht. Fazit: „Gute“ Eltern bzw. Lehrer sollten in der Lage sein ein gewünschtes Verhalten auch ohne den Stock als Hilfsmittel herbeizuführen, denn das kann ja schließlich jeder und ist wohl die niedrigste Stufe der Problemlösekompetenz!                                                                    Was mir auch sehr aufgefallen ist, ist das Modelllernen. Ich bin der Meinung „wer schlägt, der lehrt das Schlagen!“. Die Kinder lernen an sich selbst, dass Gewalt die Lösung von Konflikten ist. In den Pausen bin ich nur damit beschäftigt die Kinder zu beobachten und zu schauen, dass sie sich nicht gegenseitig verletzen. Sobald ein Problem zwischen den Kindern entsteht wird versucht es mit den Fäusten zu lösen, denn sie kennen keine andere Lösung. Die Kinder greifen nicht zur Gewalt weil sie anderen Kindern absichtlich Schaden zufügen wollen, sondern einfach deshalb weil sie nicht wissen wie sie ihr Problem oder ihren Konflikt sonst lösen sollen. Die Aggressionsbereitschaft ist so hoch, dass fast kein Tag vergeht an dem kein Blut fließt. Hier ist das „Spielen“ aber ausgeschlossen, natürlich testen die Kids auch ihre Stärken und Grenzen aus und das sollen sie in einem bestimmten Umfang auch tun. Aber was ich hier zum Teil zu Gesicht bekomme hat nichts mehr mit Grenzen austesten zu tun. Und genau da liegt meiner Meinung nach ein großes Problem:              Die Aggression und Gewalt wird in das eigene Verhaltensrepertoire aufgenommen und ist nur schwer wieder herauszubekommen. Die eigenen Geschwister, Freunde und später die eigenen Kinder werden geschlagen ohne darüber nachzudenken. Die Gewaltbereitschaft ist auch hoch genug um fremde Personen zu schlagen, die einem gerade „blödkommen“ oder weil man selbst vielleicht sogar nur einen schlechten Tag hat.

Erst letztens wurden wir Zeugen von einem Familienstreit (Alle Familienmitglieder im Erwachsenenalter) der daraus hinauslief, dass der Sohn die Tochter zu Boden geschlagen hat, weil diese die Mutter angegriffen hat. Und ein anderes Mal prügelte ein Lehrer einen älteren Jungen aus dem Dorf zu Boden weil dieser aus dem schuleigenen Wasserhahn trank.Im letzten Blogeintrag habe ich euch von dem Polizisten erzählt, der unseren Fahrer erst einmal zusammengeschlagen hat, bevor er überhaupt mit ihm geredet hat. Und das war leider kein Einzelfall…                                                                                                                                              Hier bin ich bei dem roten Faden angelangt, der sich meiner Meinung nach durch die Gesellschaft zieht. Auch im Erwachsenenalter wird zur Faust gegriffen um Konflikte zu lösen oder um die eigene Machtposition zu demonstrieren. Vermutlich kann man an dieser Stelle auch eine Verbindung zur  hiesigen Korruption herstellen. Ich glaube wenn jemand seine Machtposition bzw. Vertrauensstellung in dieser Weise missbraucht, kann man auch hier von Korruption sprechen.

Abschließend möchte ich nochmal betonen, dass das Geschilderte auf meinen Erfahrungen beruht und nicht verallgemeinert werden kann. Nicht alle Ghanaer sind „gewalttätig“ und man muss auch nicht ständig Angst haben, dass jemand auf einen los geht. Ich fühle mich hier in Ghana sehr sicher und denke, dass es sich mehr um eine instrumentelle Gewalt handelt und viele einfach nie gelernt haben eine „friedliche Lösung“ für ein Problem zu finden.

Jetzt aber genug geredet: Weihnachten steht vor der Türe und vielleicht findet der eine oder andere im oft stressigen Weihnachtstrubel eine ruhige Minute zum Nachdenken. Wahrscheinlich findet jeder bei sich selbst Momente, in denen er Gewalt erfahren oder selbst angewendet hat. Und diese Gewalt wurde vermutlich, wie hier in Ghana oft beobachtet, nicht mit dem Primärziel der anderen Person Schaden zuzufügen angewendet sondern eher als Instrument um ein bestimmtes Ziel zu erreichen oder ein Konflikt/Problem zu lösen.                        Doch muss das wirklich sein?  

Hiermit verabschiede ich mich in meinen zweiwöchigen Weihnachtsurlaub, den wir an der Küste verbringen werden.

Ich wünsche allen ein wunderschönes Weihnachtsfest und schließlich ein gesundes und glückliches Jahr 2012!!

Viele liebe Grüße,

Lea

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