Angekommen im Alltag


Die erste Woche ist vorbei, schneller als gedacht, und ich meld mich mal wieder.

Wir mussten die ersten Tage noch nicht unterrichten und haben dafür unter der Woche doch schon recht viel von der Umgebung gesehn, anfangs mit Hilfe von Jakob und dann schnell auch selbstständig: Den Zentralmarkt von Kumasi, den ich bisher am beeindruckendsten fand, weil man dort einfach mit so vielen Gerüchen, Geräuschen und Eindrücken überhäuft wurde, dass einem Hören und Sehen alles andere als verging (laut Reiseführer ist der Markt größer als 14 Fußballfelder und einfach unbeschreiblich, ich hoff die meisten haben die Bilder gesehn); den Stadtkern von Kumasi, in dem sich z.B. Poststation, Supermarkt und größere Läden befinden sowie ein paar kleinere Orte in der unmittelbaren Umgebung.

Für den Weg dorthin nutzten wir in der Regel den legendären afrikanischen Trotro-Verkehr, also so alte Vans oder Kleinbusse mit vielen klapprigen Sitzen, noch mehr Insassen und ordentlich Rost und Flickzeug außenrum, die dann so über Stock und Stein rumpeln. Immer wieder ein schönes Erlebnis meiner Meinung nach, weil man da einfach so super ins afrikanische Leben eintaucht bzw. reingequetscht wird, ohne irgendwelche Obruni-Besonderheiten und hundert Prozent authentisch. Im Trotro hatten wir dann auch schon einige ganz nette Gespräche über das obligatorische „How are you?“ hinaus beispielsweise mit einem älteren Mann, der von seinem Urlaub in Deutschland geschwärmt hat.

Fußläufig in etwa ner Viertelstunde erreichbar ist Tanoso, also der größere Nachbarort von Denkyemuoso, in dem es auch eine Apotheke, Bank und eben eine Uni mit Internetcafé gibt, welches mir den Kontakt nach Hause recht einfach und erschwinglich macht (eine Stunde etwa 35 ct inklusive Special Entertainment durch Stromausfälle und Computeraussetzer). In Tanoso gibt’s auch eine gute Chop Bar (Restaurant und Bar), in der wir abends öfter waren und interessanterweise mit Weihnachtsliedern wie Jingle Bells unterhalten wurden.

Zum Kontakt mit den Leuten kann man sagen: Es wird denk ich schon erwartet, dass man als fremder Weißer jeden mit einem freundlichen Blickkontakt, Zuwinken oder ein paar Worten grüßt, was ich auch gerne tu. Wenn man von wildfremden Leuten nach Geld oder Kontaktadressen gefragt wird, was eigentlich nicht so oft vorkommt (also z.B. beim Gang über den Zentralmarkt nur ein Mal), muss man sich halt irgendwie freundlich rausreden, bis jetzt konnte ich da ehrlicherweise sagen, dass ich noch keine ghanaische Simcard und Nummer habe (will ich mir jetzt dann aber unbedingt mal besorgen). Die Kinder im Dorf fragen häufig nach Geld, was zu essen oder zu trinken, aber da sagt man dann halt zum Beispiel, es ist von der Schulleitung nicht gewünscht, als Lehrer Sachen zu verteilen. Den Kindern geht’s ja nicht so schlecht hier, die wollen eigentlich eher testen, ob sie erfolgreich sein können.

Was ich mir sehr wünschen würde, wären ein paar ghanaische Freunde, mit denen man mal einen Ausflug machen kann oder so. Die Berufsschüler sind zum Teil sehr nett, aber man ist halt auch deren Lehrer und muss sich einigermaßen dementsprechend verhalten. Die Lehrerkollegen sind 10 bis 30 Jahre älter als man selbst und glaub ich nicht so dran interessiert, wobei ein Lehrer uns mal wo mithinnehmen wollte. Im Trotro bin ich schon mal mit einem Studenten ins Gespräch gekommen, der nicht diese ganz naiven Vorstellungen von Europa hatte und gleich auf Geld oder Adressen aus war, dahingehend hoff ich, dass sich vielleicht mal in der Uni oder so nette, gebildete Leute finden, mit denen man sich anfreunden kann, weils find ich einfach cool wär, das Land auch zusammen mit Einheimischen kennenzulernen, wobei man halt leider bei Freundschaften erstmal immer skeptisch bleiben muss.

So haben wir die Woche in der Regel zu dritt oder viert mit noch einigen anderen Freiwilligen aus Tanoso verbracht, was zwar immer schön war, aber ich mir auf Dauer ein bisschen weniger europäisch wünschen würde. Freitagabend waren wir in Bantama, sozusagen der Maxstraße Kumasis, wo sich insgesamt so um die zehn Freiwillige aus der Gegend in einer Bar eingefunden hatten. War sehr angenehm und man hat sich auch ganz nett unterhalten. Am Tisch saßen auch noch einige Ghanaer, wir kamen bisschen später und mir wurde nicht ganz klar, ob die sich einfach nur dazugesellt hatten oder was, jedenfalls haben sie einem hauptsächlich ständig freudig die Hand gereicht und zugezwinkert.

Gestern wollte ich dann einfach mal einen ruhigen Tag einlegen, was echt nicht am Vorabend lag. Lisa hat mit zwei anderen einen Ausflug gemacht, aber ich hatte am Vormittag etwas Durchfall, war recht müde und bin dann lieber zuhause geblieben. Hab bisschen aufgeräumt, entspannt und zum ersten Mal Wäsche gewaschen, ein paar Schüler haben mir auch gleich geholfen. Nachmittags hab ich mit paar Leuten im Gemeinschaftsraum der Schule bisschen Premier League und Carling Cup angeschaut und ich bin sehr zuversichtlich, dass dort dann auch fleißig die EM verfolgt wird 🙂

Am Abend hab ich mir spontan noch meinen Lebenstraum erfüllt und mit den Berufsschülern auf unserem sandigen, steinigen, unebenen Schulhof Fußball gespielt – und es hat einfach nur richtig viel Spaß gemacht. Ich als filigraner Edeltechniker hätte mir natürlich lieber einen tip top gepflegten Rasenplatz gewünscht, aber ich habs mir dann doch nicht verkneifen können, zumindest ein herrliches Tor aus unglaublichen zwei Metern passgenau ins leere Gehäuse zu erzielen. Fazit der Veranstaltung: Viel Schweiß, paar Schrammen und richtig gute Laune. Ich weiß, wie ich in Zukunft jeden Abend hier verbringen werd 😉

Heute Morgen wollte ich eigentlich in die Kirche, bin gestern auch um halb 10 ins Bett, aber ich hab dann doch lieber noch ausgeschlafen und hatte auch nochmal Durchfall, obwohls mir gestern Abend eigentlich richtig gut ging.

Morgen geht dann unsere Arbeit los und damit wohl hoffentlich auch eine Art ghanaischer Alltag. Ich werd an der Grundschule irgendwie Mathe/Englisch unterrichten und nebenbei vielleicht noch Kunst, weil ich gesagt hab, dass ich ganz gerne zeichne. Wie, wo, was weiß ich noch nicht, die Einzelheiten bekommen wir morgen gesagt. Ich kanns mir auch noch gar nicht vorstellen, aber ich freu mich schon. Was ich schon weiß, ist, dass ich auch noch zwei Stunden in der Woche den Berufsschülern Deutsch beibringen soll. Das stell ich mir auf jeden Fall sehr interessant vor, weils da ja vor allem um die wichtigsten Wörter und grundlegenden Ausdrucksweisen geht und ich hoff, dass mir dazu dann paar gute und witzige Methoden zum Einüben einfallen. Die Schüler sind ganz wild drauf, Deutsch zu lernen und fragen einen schon alle, ob oder wann sie denn endlich wieder Deutsch haben. Ich vermute zwar, dass die wenigsten später in ihrem Leben irgendwann mal Deutschkenntnisse brauchen werden, aber es macht sich gut in ihrem Lebenslauf und es geht ja auch um den Austausch von deutscher und ghanaischer Kultur, also es freut einen auf jeden Fall, wenn die Schüler Interesse zeigen.

Noch einige Anmerkungen:

  1. Eifrige Leser werden festgestellt haben: Moment a mal, Halt Stop, da sind ja ä, ö, ü und ß im Text, da stimmt doch was nicht! Damit ihr weiterhin glaubt, ich sei in Ghana: Ich schreib die Berichte aufm Laptop und muss sie dann im Internetcafé nur noch hochladen.
  2. Ich würde gerne viele, viele Bilder hier hochladen, aber das dauert so ewig und wenn mans dann fast geschafft hat, fällt der Strom aus. Deswegen gibt’s ab und zu welche auf facebook, da geht’s etwas flotter.
  3. Das Essen hier schmeckt größtenteils super, ich schreib mal einen eigenen Bericht drüber, wenn ich noch paar mehr Gerichte kenn.
  4. Mein Zimmer ist für die hiesigen Verhältnisse absoluter Luxus; Kühlschrank, Ventilator, Herdplatten, Sofa, Schreibtische, Bad, … Und abends sein eigenes Zimmer zu haben, ist schon auch manchmal sehr angenehm.
  5. Ums gleichmal vorweg zu nehmen: Ich denk nicht, dass ich euch jede Woche so nen fetten Oschi-Bericht um die Ohren hauen werd, aber für den Anfang muss es einfach sein.
  6. WICHTIG!: Wer mir mal etwas schicken möchte, worüber ich mich sehr freuen würde:

BOXKS 9004, KUMASI MAIN, ASHANTI REGION, GHANA

 

Damit liebe Grüße in die Heimat, ich bin gespannt aufs Unterrichten, auf den ghanaischen Unabhängigkeitstag am 6. März, der hier groß gefeiert wird, und auf Neuigkeiten von euch!

Machts gut oder ums mit einer Englischlehrerin am WvB zu sagen: I wish you what!

Matze

2 Antworten zu “Angekommen im Alltag

  1. Herzlich willkommen in meinem kleinen Dorf, wo ich geboren bin. Ich hoffe ihr werdet alle gelegenheiten nehmen um die menschen,und ihren sitten und bräuche kennen lernen. . Das ist eine unser ziele.
    „Interkulturelle Begegnung“ Ich wünsche euch gute zeit.

  2. Andreas & Sabine Mehlis

    Hallo Matthias ! Bin nicht so der schreiber aber meine Nachbarin Maria Herreiner hat mich gebeten auf deiner seite zu schauen und wenns geht dir liebe Grüsse zu senden. Hoffe es klappt und du freust dich etwas.Liebe Grüsse Sabine Mehlis

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