Archiv der Kategorie: Jahrgang 2011/12

Die letzten Tage


Die letzten 9 Tage sind gekommen, Anfangs wurde die Tage gezählt und gehofft, dass ich bald wieder zurück bin, gerade vergeht die Zeit so schnell..

Dass die Entscheidung, für 6 Monate nach Ghana zu gehen wohl eine der Besten war, kann ich definitiv behaupten. Auch wenn die Anfangstage im Kindergarten hart waren. Da einem nie wirklich eine Arbeit zugeteilt wurde, obwohl es genügend zu tun gibt, muss man sich die Arbeit selber suchen. Die Kinder verstehen einen nicht und da man sie nicht schlagen möchte hören sie einem auch nicht wirklich zu. Doch mit der Zeit ist es zum Alltag geworden, ich wusste meine Aufgaben (morgens helfen beim Essen kochen, verteilen und abwaschen, auf Kinder aufpassen, an Wände malen, Spielen, Mathe, Kunst und Schreiben Unterrichten, Mittags Essen verteilen und Abwaschen und alles was sonst noch so anfiel) und die Lehrer und vor allem Kinder sind mir sehr ans Herz gewachsen, weswegen mir der Abschied wirklich sehr schwer fiel. Aber dass wir nicht vergessen werden, dafür haben Matthias und ich schon gesorgt mit unseren Handabdrücken auf der Wand. Und wenn ein Paar veränderte Sachen so beibehalten werden, bin ich schon sehr glücklich! Die Essensvergabe läuft endlich geordnet und die Kinder haben jeder ihren eigenen Sitzplatz wo sie in Ruhe essen können. Das Spielzimmer ist überfüllt mit Spielsachen und die Wände sind bunt. Im Pausenhof haben sie neben dem Karussell jetzt auch noch eine Rutsche, auf Autoreifen hüpfen sie rum und vom nächsten Geld wird noch eine Schaukel gekauft! Außerdem wird nicht mehr in den Pausenhof (oder in den Blumentopf in der Klasse) gepinkelt sondern dafür wird brav aufs Klo gegangen. Leider gilt die Regel „Yellow let it swallow, Brown flush it down“, dementsprechend riechts auch bisschen.

Dass der Unterricht in der Schule vorbei ist erleichtert mich sehr, 50 Schüler die meistens auch noch älter sind, sind auf Dauer leider nur schwer zu ertragen.

Eine schöne Nachricht gibt es auch noch. Kumasi fängt jetzt doch tatsächlich an, sich um die Umwelt zu Sorgen und ich kann Stolz behaupten schon mehrere Mülleimer gesehen zu haben! Trotzdem türmen sich die Müllberge noch in den Abwasserrohren, von Wassersachets über Orangenschalen bis hin zu Schuhen. Vor allem in der Regenzeit gab es deswegen öfter überflutete Straßen da das Wasser nicht mehr ablaufen konnte. Ich wurde auch öfters dumm angeschaut als ich gefragt habe, ob sie hier denn Müll trennen. Und da ich meine Reste nicht so einfach aus dem Auto auf die Straße schmeißen wollte, hab ich‘s immer brav mit nach Hause getragen, in Tüten gesammelt um es dann letztendlich auf den Schuleigenen Müllberg zu schmeißen, der in regelmäßigen Abständen angezündet wird..

Eine unschöne Erfahrung habe ich letztens auch noch gemacht. Ich dachte es sei nur ein Gerücht, dass Diebe, falls sie von der Bevölkerung geschnappt werden, umgebracht werden. Letztens lag jedoch nur ein Paar Meter von meinem Haus entfernt  über 13 Stunden eine Männerleiche an der Hauptstraße. Es wurden Fotos gemacht und keiner hat sich um ihn gekümmert mit der Begründung, sie haben ihn umgebracht weil er in ein Haus eingebrochen ist und die Polizei nichts gegen ihn gemacht hätte. Dass die Polizei korrupt ist, ist aber allgemein klar. Jeder Taxifahrer hat in seinem Geldbeutel neben dem Führerschein einen Cedi und auch mit Freunden bin ich in mehrere Polizeikontrollen (ohne Grund) gekommen, wo wir dann unserem lieben Polizisten „Heeeeyyy my friend“ 20 Cedi zugesteckt haben..

Dass ich in dem letzten halben Jahr nicht zugenommen habe (denke ich zumindest) wundert mich sehr! Obwohl meine Gewichtsschwankungen hier von „Madame Lisa, Madame Lisa, stomach BABY!!!!“ bis hin zu „Oh Madame Lisa, sooooooorry no food…“ gingen. Auf die Frage an unsere Schulköchin, warum es denn täglich Reis gibt bekam ich die Antwort, dass das doch gar nicht stimmt! Wir servieren plain rice, fried rice, jollof rice, rice balls und rice mit stew (Bohnen, okro…), außerdem Kenkey oder Bohnen. Aha.. stimmt so ein rice ball besteht ja auch nicht aus Reis. Ob sich mein Magen so schnell wieder an Milchprodukte nach 6 Monaten Entzug gewöhnt bezweifle ich, aber das ist mir egal! Auf jeden Fall wird auch in München ghanaisch gekocht und jeder ist sehr gerne zum Fufu probieren oder mein Lieblingsessen Bohnen mit Gari und palm oil essen eingeladen!
Auch die große Auswahl an Snacks und Obst zwischendurch wird mir fehlen, man hat sich schon so daran gewöhnt aus dem Auto einzukaufen und meine tägliche halbe Wassermelone, Mango, Ananas und Papaya wird in Deutschland nicht gleich schmecken!

Warnen möchte ich euch auch gleich alle noch, ich möchte bitte keinen Kommentar zu meiner Hautfarbe hören. Ja ich weiß ich war 6 Monate in Afrika, ich habe geschwitzt wie noch nie und gelernt, mir mit 3 Wassersachets (jeweils 0,5 Liter) die Haare zu waschen, aber  ich habe versucht die Sonne zu meiden und außerdem ist gerade Regenzeit 😦

Bedanke möchte ich mich noch bei allen, die meine verzweifelten sms, Anrufe oder sonstige Nachrichten ausgehalten haben und mich wieder aufgebaut haben 🙂
Danke auch an mein Moskitonetz, dass mich vor allen möglichen Tierchen beschützt hat, egal ob kleine oder große Gekkos, Spinnen, Kakerlaken, Ameisen und sonstigen Insekten. Bei den Moskitos hast du leider versagt aber ok, 2 Mal Malaria war auch ne Erfahrung wert. Jetzt weiß ich zumindest wie es sich anfühlt zu sterben.
Zum Schluss noch ein ganz großes Dankeschön an den Deutsch Ghanaischen Freundschaftskreis, dass ihr mir diese Erfahrung ermöglicht habt!

Und natürlich an meine Familie und Freunde, ihr seid wirklich die Besten und ich freu mich schon so sehr auf euch ❤

So das war‘s jetzt wirklich von mir, den nächsten Bericht gibt’s wieder in Deutschland, meine letzten Tage verbringe ich am Strand mit Freiluftdusche, im Kakum national Park und in Kumasi. Ich werde es genießen, Kellnerinnen alles 10 mal zu erklären mit dem Resultat, dass sie es immer noch nicht verstanden haben und man mit einem freundlichen SIT DOWN!!!!!!!!!!!! von der Theke gescheucht wird. Nach Toiletten frage ich erst gar nicht, ich suche mir irgendeine Ecke und hoffe, dass ich nicht wieder Besuch von nem Schwein  bekomme. Als nicht-Vegetarierin werde ich mir danach einen schönen Fleischspieß von der Straße holen und hoffe, dass ich nicht gerade die Mama von den kleinen Ziegenbaby daneben esse. Mein iPod bleibt absichtlich zu Hause, im Taxi werden jetzt wieder brav die 5 selben Azonto Lieder gehört und um zu beweisen, dass ich wenigstens ein bisschen ghanaisch tanzen kann, wackel ich mit dem Fuß. Jeder fremde Mensch ist dann plötzlich mein Freund und möchte ein Teil meines Lebens werden. Nach einer freundlichen Diskussion mit dem Ergebnis, dass ich nicht meine Nummer, die meiner Mutter, Freundin, Schwester oder sonstigen Verwandten hergeben werde, obwohl er schon unsere Sprache lernt „ Hallo alles klaaaaar wie geht dir ich Deutschland aber keine Papiere Polizei hart“ verabschiede ich mich von Ghana und freue mich sehr auf München, Familie, Freunde, Umarmungen und Essen!!! (Und ganz ehrlich gesagt, auch auf eine Waschmaschine) Ghana du fehlst mir trotzdem jetzt schon,  wir sehen uns in einem Monat!

Ganz Liebe Grüße und bis Sonntag ❤

 

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Sweet home à la Ghana


Ein herzliches Hallo aus Ghana, vermutlich schon zum letzten Mal,

eigentlich wollte ich noch viele, viele Blogeinträge schreiben, genügend Lust und Erzählstoff hätte ich, aber Reisen, Erleben und Entdecken klingt dann doch noch besser als Schreibtisch und Laptop.

Der Abschied an Schule und Kindergarten war eine Mischung aus traurig und wunderschön, hab sogar noch voll liebe Geschenke bekommen; die ersten Ferientage war ich im Norden in Bolgatanga, Paga, Tamale und Mole und jetzt kommen dann schon die letzten drei Wochen mit meinem Papa. Also die Endphase macht grade nochmal richtig viel Spaß, dazu gibts noch dies und jenes, um das man sich kümmern muss, deswegen an dieser Stelle nur ganz kurz:

Bis bald in Deutschland, ich freu mich inzwischen auch wieder riesig auf Zuhause! Bleibt noch zu hoffen, dass ich alle Fotos, Mitbringsel, Erfahrungen und Erlebnisse sicher über Sahara und Bosporus bringe, dann steht einer fetten Fete in vier Wochen nichts mehr im Wege 😉

Bis dahin eine schöne Zeit, alles Gute, oder wie der Ghanaer zu sagen pflegt: God bless you!

Liebe Grüße

Matze

An der Würze liegen die Pfürze – eine schmackhafte Reise durch ghanaische Gaumenfreuden


„Sir Matthias, you like eating toooo much!“ Was die Ghanaer als Kompliment meinen, ist tatsächlich nicht ganz an der Realität vorbeigeschossen. Riesige Portionen Reis mit ordentlich Palmöl; Gemüse, Brot und Ei schön frittiert; dazwischen gerne mal ein Eis oder fettiges Gebäck; sportliche Betätigung meist nur in Form von Wäschewaschen und Kinder hochheben, da kann man den Blähbauch nicht mehr nur auf die erhöhte Bohneneinnahme schieben. In diesem Sinne begeben wir uns nun also, wie schon lange versprochen, auf einen kurzen Exkurs in die örtliche Kulinarik:

Vornherein zur Erklärung:

Yam: Dürften einige von meiner Abschlussfeier kennen: Eine Wurzel beträchtlichen Ausmaßes (ungefähr so groß wie eine 1,5l-Flasche) und geschmacklich der Kartoffel sehr ähnlich, von der Konsistenz her etwas mehliger.

Cassava: So ähnlich wie Yamwurzeln, nur etwas kleiner, bei uns soweit ich weiß unter dem Namen Maniok bekannt.

Kochbanane (plantain): Also es gibt hier einerseits Bananen, die so schmecken wie unsere und als Obst verzehrt werden, aber so klein sind, dass sie sich nicht nur Olli Kahn vollständig in den Mund schieben kann, und andererseits Bananen, die so groß sind und so aussehen wie die Bananen bei uns im Supermarkt, aber wie Kartoffeln schmecken und verwendet werden, die Kochbananen.

Nun zu den Gerichten:

Fufu: Gilt als das Nationalgericht Ghanas. Wenn man hier gefragt wird, ob einem Fufu schmeckt, was recht oft vorkommt, und man ehrlich mit ja antworten kann, macht man sich schonmal allseits beliebt. Es handelt sich dabei um einen Kloß aus Plantain-, Cassava- und/oder Yambrei, der von meist sog. „Mothers of Fufu“ mit einem mannshohen Stock in einem Holzbottich (woma und waduro) gestampft wird. Serviert wird das Ganze dann in einer großen Schüssel zum Beispiel mit einer ordentlich scharfen Fleisch-Fischsoße und man zupft mit der rechten Hand kleine Stücke vom gummiartigen Klumpen ab. Also mir schmeckts, solange nicht zu viele Spelter im Fufu und Gräten in der Soße sind, aber mein Lieblingsgericht ist es nicht. Auch habe ich schon mehrere Weiße getroffen, die sich wie ich fragen, warum sich die Ghanaer so wahnsinnig viel Arbeit machen, einen relativ geschmacklosen Breiklumpen zu stampfen, während die einzelnen Zutaten gekocht einen ganz guten Eigengeschmack haben. Gibts aber eh nur in Restaurants, die „canteen woman“ kann ja nicht für zig Leute rummantschen.

Gari and beans: Esse ich hier mit am liebsten und habs auch schon paarmal selber zubereitet – mit annehmbarem Ergebnis. Ist auch ganz einfach, man kocht die Bohnen weich, gibt Palmöl (je nach Wunsch mit angebratenen Zwiebeln) dazu und mixt das Ganze mit Gari, kleingeraspelten Cassavawurzeln, die man rein äußerlich auch mit Parmesan verwechseln könnte.

Daneben gibt’s noch süßes Gari, dazu werden die Raspeln mit einem Schuss Zucker in eine Tasse Wasser gegeben und man bekommt etwas, das so ganz leicht an flüssigen Grießbrei erinnern könnte, auch sehr interessant.

Reis: Gibt’s hier in allen möglichen Varianten und für die Ghanaer ist jede davon ein absolut eigenes Gericht, das man nie einfach nur salopp unter dem Stichwort Reis zusammenfassen würde. Wer damit wenig anfangen kann, sollte besser nicht nach Ghana kommen, in der Regel wird mindestens einmal am Tag Reis gegessen. Ich fühl mich aber recht wohl damit und hab mich auch schon ganz gut an die kleinen Fischköpfe in der Soße gewöhnt.

Waakye: Gibts sehr oft an der Schule, Reis mit viel Bohnen, scharfer Tomatensoße und Fisch, perfekt, wenn man viel Hunger hat. Hab auf dem Weg nach Kumasi aber auch schon eine „Waakye Boutique“ für den stilvollen Genießer gesehen 🙂

Jollof Rice: So bisschen wie der Reis, dens zum Beispiel in Kroatien gibt. An der Schule wird dann noch ein gekochtes Ei dazu gereicht, fertisch.

Rice Balls: Deftige Reisknödel mit meist guter Fleischsoße, manchmal auch schlechter Fischsoße.

Fried Rice: Erinnert stark an den Reis, den man bei uns beim Asiaten bekommt. Bisschen Salat, Karotten, Zwiebeln, Gewürze, ein Hähnchenschenkel und ein Schuss Ketchup und wenn man will, kann man noch Nudeln dazubestellen und bekommt damit eine super afrikanische Nudelbox – erhältlich an jedem gut sortierten Straßenstand.

Plain Rice mit Stew: Erklärt sich von selbst. Kontomire-Stew, eine Variante davon, ist dabei so ähnlich wie Spinat.

Yam (kommt nicht nur ins Fufu):

Boiled Yam: Gekochte kartoffelgroße Yamstücke, meistens mit „bean stew“ oder „garden egg* stew“ (*zu Deutsch: „Äthiopische Eierfrucht“ 🙂 )

Fried Yam: Frittierte Yamschnitze, die ghanaische Form von Pommes, in der Regel erhältlich zusammen mit einem wahrlich atemberaubenden Pepper-Stew

Yam Balls: Sehr lecker, Yambrei mit Karotten und anderem Gemüse in einem leicht angebratenen Knödel. Hab ich leider erst zwei Mal gegessen, im Kloster und in Cape Coast, und sonst noch nirgends gesehen.

Fried Plantain: Sehr fettige, frittierte Kochbananenstücke, ziemlich süß, gibts manchmal zu gari and beans.

Kenkey: Gehört zu den wenigen Dingen, die ich überhaupt nicht mag. Ich hab mich eigentlich ziemlich drauf gefreut, als ich die Beschreibung Maisballen gehört hab, aber hat dann nicht ganz so meinen Geschmack getroffen. Der Maisbrei, den man hier überall als einen in Palm- oder Maisblätter eingewickelten Klumpen am Straßenrand kaufen kann, war recht bitter und säuerlich und in der Schule wurde das Ganze dann noch in einer ziemlich schleimigen Fischsoße serviert, also drei Mal haben mir bis jetzt gereicht. Aber anderen Leuten schmeckts super, also nichts gegen das Gericht.

Banku: Eine Mischung aus Kenkey und Fufu, meiner Meinung nach näher am Kenkey und deswegen weniger betörend.

Bread and Egg: Es wird ja bekanntlich dazu kommen, dass der Döner den Menschen ersetzen wird. Für mich hat hier aber erstmal das Bread and Egg den Döner ersetzt. Fast durchgehend erhältlich, schnell mal im Vorbeigehen zu essen, superlecker und stets mit dem Gedanken verbunden, dass man nicht unbedingt zu viel davon reinhauen sollte (Stichwort Eier aus Freimüllhaltung usw.). Rührei in Toastbrot, soweit der Gaumenschmaus in nüchterne Worte gepackt.

Was gibts sonst noch so zu schnabulieren: Gegrillte Würste, die gar nicht mal schlecht schmecken (für die Zutaten gilt: Was ich nicht weiß, macht nur die Wurst heiß…), Meat Pies, für die dasselbe gilt, Frühlingsrollen oder anders Gebäck mit Bohnen oder Kraut, gekochte oder gegrillte Maiskolben und vieles mehr.

An süßen Sachen wären zu nennen: Bofrot und Sweet Balls, süßes dampfnudel- bzw. kuchenähnliches Gebäck, handgemachte Kekse, Fan-Ice, also so ne Vanilleeiscreme in der Tüte, göttlich, oder unglaublich exquisite Karamell-Nuss-Klötze. Desweiteren taugen verschiedenste Nüsse, salziges Gebäck oder Bananenchips perfekt als Knabberzeugs.

Dazu gibts natürlich noch jede Menge Obst, frische Ananas, Orangen, Bananen, Mangos (is leider grad nicht mehr Hochsaison), Papaya, Avocados (die allerdings meistens zu Reis oder Yam gegessen werden), Kokosnüsse, Zuckerrohr zum Kauen und Ausspucken, Kakaobohnen zum Schluzen und Ausspucken, Wassermelonen usw.

Also alles in allem muss ich sagen, ich bin hier essenstechnisch wirklich sehr zufrieden. Ich hab ja auch zuhause schon ne gute Portion Spätzle dem Lachsschaummousse an Trüffel-Weißwein-Creme vorgezogen, insofern fühl ich mich super wohl damit, dass ich hier mittlerweile ganz gut weiß, was aufn Tisch kommt, und mittags nach der Schule hab ich eh meistens so Hunger, dass mir vieles egal ist.

Mit kulinarischen Kuriositäten wie frittierten Fledermäusen, gedünsteten Gelbbauchunken oder halbgaren Heuschrecken, was manche vielleicht denken, hat die ghanaische Küche von heute wenig zu tun. Ab und zu sieht man mal Leute, die Schnecken, Krebse, Tintenfisch oder Buschratten verkaufen, aber dazu würden unsere Nachbarn im Westen ja auch „Buon appétit“ sagen.

So lass ichs mir also mit Leib und Seele gutgehen – das Bäuchlein wächst und gedeiht. Das praktische hier in Ghana ist, dass einem zumindest in der Stadt das Essen meist noch in Form von großen Kisten auf den Köpfen von Verkäufern aller Altersstufen entgegenläuft, was schon ein bisschen was von Schlaraffenland hat, auch wenn man den meisten Verkäufern natürlich einen anderen Job wünschen würde.

In diesem Sinne wenden wir uns dem Verdauungsschläfchen zu, mehr Erlebnisse, Erfahrungen und Eindrücke gibts dann wieder im nächsten Blog.

Bis dann, liebe Grüße, und bei wems bald Essen gibt: An guaden!

Le Chefkoch himself, Matze

Ghana, ein Sommermärchen?


Good afternoon, buona sera!

Eigentlich hab ich nicht viel Zeit, weil ich grade sehr mit Studienbewerbungen beschäftigt bin, aber der Juni ist vorbei, die EM hat ein jähes Ende für Deutschland gefunden und so sehe ich mich in der Pflicht, euch wieder mal auf den neuesten Stand zu bringen. Er hatte so gut angefangen, der Ayewohomommo, wie der Juni hier heißt, mit dem Länderspiel im Baba Yara Stadium, entspannten Aktionen mit den anderen Volunteers und der Vorfreude auf die Europameisterschaft. Letztendlich muss ich jetzt sagen, der Juni war leider nicht so überragend wie die drei Monate zuvor.

Samstag vor zwei Wochen waren wir recht lange bei Peter, nähen, unterhalten, Musik hören, ich wollte dann aber doch um 3 Uhr nachts noch nach Hause, damit ich sonntags gemütlich ausschlafen kann. Keine so gute Idee. Auf halber Strecke ist mir ein dubioser Typ gefolgt, hab mich schon nicht wohl gefühlt, dann haben wir allerdings kurz vor der Schule ein normales Gespräch begonnen und ich war wieder beruhigt, bis er mich nach der Uhrzeit gefragt und mir im richtigen Moment das Handy aus der Hand geschlagen hat (mit so ner Art Buschmesser, das ich erst dann richtig gesehn hab). Naja, hab dann in dem Moment irgendwie gedacht, vielleicht merkt er, dass er mit meinem schon recht alten Handy nicht viel anfangen kann, bei dem schon die erste Taste gefehlt hat, und hab ihm dafür Geld gegeben. Im Nachhinein fast zum Schmunzeln, ich hab meinen Geldbeutel rausgeholt, ihm paar Scheine gegeben und den Geldbeutel wieder eingesteckt, hat eigentlich nur noch das „Stimmt so“ gefehlt. Also obwohl ich laut um Hilfe gerufen hab und kurz danach gestürzt bin und am Boden lag, er hat mir nichts getan, hat fast höflich gefragt, ob ich ne Kamera dabeihab, und ist dann verschwunden. Wusste denk ich selber nicht so genau, was er da macht, und ich hatte auch nicht das Gefühl, der wäre in der Lage, mir wirklich was anzutun. Ich durfte sogar die Schokocreme behalten, die ich dabeihatte, auch wenn die 500g innerhalb der nächsten vier Tage aufgebraucht waren ;) So wars denk ich eine gute Warnung, in Zukunft doch etwas vorsichtiger zu sein, ich hatte zum Glück weder Laptop noch Kamera dabei, wie das auf dem Heimweg nach den Spielen um 9 oder 10 oft der Fall war, und das Handy und die umgerechnet 10 € oder so kann ich gut verkraften (lag eh noch ein Handy von den alten Volunteers in meinem Zimmer und ich bin ein paar nervige Anrufer los). Das blöde ist halt, ich hab mich bis jetzt immer so sicher gefühlt, nie ist mir irgendwas passiert und ich hab nicht im Traum daran gedacht, dass so etwas mal vorkommen könnte. Hab dann erstmal die nächsten zwei Tage in jedem verdächtig ausschauenden Mann auf dem Weg nach Tanoso den möglichen Täter gesehn, weil ich mich nicht wirklich an das Gesicht erinnern konnte, aber das  hat sich auch schnell gelegt. Ich bin nicht von der Realität in einen Alptraum gerutscht, sondern von einem Traum in die Realität. Ich hab mich hier nach einiger Zeit fast sicherer gefühlt als in Deutschland und bin bedenkenlos rumgelaufen, weil die Leute einfach alle so super freundlich und höflich waren.  Jetzt weiß ich, dass ich hier nachts um 3 ebenso wenig alleine rumlaufen sollte wie in den dunkelsten Ecken Hochzolls. Am Tag braucht man sich nix denken, da sind überall Leute unterwegs, Schüler, Kinder, Hausfrauen, Studenten … Ich lauf halt jetzt nicht mehr allein im Dunkeln nach Hause, mein Lehrerkollege und Sportsfreund Mike oder Freunde von ihm haben mich nach jedem Spiel heimbegleitet.

Das ist einer der positiven Punkte, dass ich mit Mike einen Ghanaer gefunden habe, dem ich wirklich vertraue, mit dem ich mich verstehe und der mich als Freund und nicht als Obruni sieht. Ein typischer Ghanaer, der treu seiner Kirche folgt, abartig billige Ghanaian Movies anschaut (ungefähr sowas wie die Verfilmung einer Bravo-Fotostory, köstlich), sich schön in Hemd und Anzughose kleidet, aber in einer Zwei-Zimmer-Wohnung ohne fließendes Wasser lebt und auf dem Boden kocht, gerne mal die Moskitos als „stubborn“ bezeichnet oder „small small pepper“ hinzugibt, sich leidenschaftlich dem FC Chelsea hingegeben hat und nicht gerade durch deutsche Pünktlichkeit glänzt. Aber da haben die Ghanaer eh eine ganz andere Einstellung als wir. Ich habe immer gefragt, ob er Zeit hat, zum Spiel zu kommen, oder ob ichs besser in Denkyemuoso anschaue, damit er mich nicht heimbegleiten muss. Klar kommt er und ich soll natürlich auch kommen, hieß es, was ungefähr bei jedem zweiten Mal nicht der Fall war. Wenn spontan ein anderer Freund was von einem braucht, kurzfristig noch ein Gottesdienst stattfindet oder man auf dem Weg von einem Bekannten angesprochen wird, dann ist es für Ghanaer selbstverständlich, dass dann erstmal das gemacht wird. Auch wenn man eigentlich schon eine Verabredung hat, die ist dann erstmal zweitrangig, hier wird nicht gesagt, tut mir Leid, ich hab schon was vor, oder ich hab im Moment keine Zeit. Das ist eben ein anderes Verständnis von Vereinbarungen und man sollte deswegen nicht einfach sagen, die Ghanaer sind unzuverlässig. Ich musste zwar ein paar Mal länger warten oder rumtelefonieren, aber ich bin nach jenem Tag jedes Mal mit Begleitung sicher nach Hause gekommen.

Das erste, was Ghanaer normalerweise machen, wenn sie dich ein bisschen besser kennen, ist, dass sie dich in ihre Kirche einladen. Davon hat mich Mike bisher zum Glück verschont. Hab noch einmal eine Kirche hier besucht, das ist einfach alles so oberflächlich, laute Musik, kitschige Glitzer-Gewänder, euphorische Amen- und Halleluja-Rufe zu jedem Bibelvers und zum Teil wird halt tatsächlich noch gepredigt, dass der Mann die Frau behüten soll und die Frau dem Mann gehorchen. Auch bietet mir Mike ständig Essen an und bezahlt zum Teil für mich, ich muss schon schauen, dass ich mehr bezahle, sonst geht das hier in eine Richtung, die mir nicht passt (du freust dich ja immer so über Zitate, Vale). Hab ihm vor der EM ein Deutschlandtrikot geschenkt, das hat er zu jedem Spiel getragen, ich wurde schon angesprochen mit „Oh, you germanized him!“  Schade, dass wir davon nur noch ein Trauerbild zusammen machen können.

So, ne halbe Seite fast nur über ihn, was ist da denn los? Der Matze wird doch nicht mit nem Chelsea-Fan … ? Defitidefinitiv nein. Ebenso wenig will ich mit ihm als Kumpel rumprahlen wie mit einem dressierten Schoßhündchen. Aber vielleicht interessierts ja den ein oder anderen, wie der Ghanaer an sich denn so lebt. Oder biologisch formuliert, wodurch sich der Lebenszyklus des gemeinen Wald- und Wiesenghanaers, der meistverbreiteten Spezies hier, denn so auszeichnet. Mit den Schülern kann man außerhalb der Schule leider wenig machen, weil man sonst halt immer der Onkel ist, der alles zahlt, und zu einigen ist das Vertrauen auch schon weg. Die meisten Lehrer sind nett, ohne dass man jetzt groß was mit ihnen in der Freizeit machen würde. Einer macht auch nur ständig Heiratswitze über mich und meint, wenn er nur lange genug in Twi auf mich einredet, werd ichs schon lernen. So ist halt Mike der einzige, mit dem ich so richtig das ghanaische Leben kennenlerne und deswegen gings jetzt auch hauptsächlich darum.

Das einzige, was ich irgendwie komisch finde, sind seine Freunde, zum Teil recht wohlgenährte Frauen, die nicht gerade vor Elan und Lebensfreude strotzen. Letztens haben wir zusammen Fufu gemacht und zwei Typen wollten mich beim Stampfen fotografieren, wobei ihnen meine Kamera runtergefallen ist, schön aufs Objektiv. Ein kurzes Sorry und danach gings fröhlich weiter; bis auf Mike war sich eigentlich keiner so wirklich bewusst, dass da grade ne recht gute Kamera „gespoiled“ wurde (spoil ist hier der Universalausdruck für kaputtgehen, beschädigen, verschimmeln, verschmutzen, vermiesen etc.). So war auch mein Nachmittag danach ziemlich gespoiled und ich war zum ersten Mal richtig angepisst von der Don’t-worry-Mentalität der Leute hier, weil ich mir einfach gedacht hab, wieso kommt jetzt plötzlich alles so zusammen. Wir sind dann aber am nächsten Tag nach Kumasi rein und in so nen Hinterhof, wo vier Leute an nem Tisch voller Fotozubehör saßen und tatsächlich alles wieder zusammenlöten, kleben, schrauben und ersetzen konnten (Ohne Löten kein Kleben, ohne Klöten kein Leben, fällt mir grad so auf). Danach war ich wieder „total euphorisch“, ums in Mesut Özils engagierter Ausdrucksweise zu sagen, und ziemlich begeistert von dem, was hier in Ghana alles möglich ist – wer repariert dir in Deutschland schon für umgerechnet 20 € ne Kamera mit schräg eingedrücktem Objektiv?

Die Regenzeit ist mittlerweile voll in ihrem Element, es ist fast nur noch bewölkt, merklich kühler und regnet zum Teil stundenlang durch, wahrscheinlich schlägt das auch ein bisschen aufs Gemüt. Wenn der Blog mit Sound wär, müsste jetzt von so ner Darth-Vader-Stimme „Melancholie“ kommen ;) Ist manchmal echt schwierig, die Wäsche noch ordentlich zu trocknen, und da ich zu spät von Boxershorts auf Schlafanzug umgestiegen bin, war ich jetzt auch noch bissl erkältet, wer hätts gedacht, auf natürlichem Wege ohne Klimaanlage.

Also fass mer mal zusammen: Ausgeraubt, Kamera kaputt, Regen, Niederlage gegen Italien, von der Studiensuche genervt. Naja, gehört eben auch dazu. Die ersten drei Monate waren wahrscheinlich einfach zu perfekt, alles hat irgendwie gepasst, keine Probleme weit und breit, war eigentlich klar, dass das nicht immer so bleiben kann. Ich wollte Land und Leute kennenlernen, diesen Monat hatte ich nun halt weniger Land und mehr Leute. Und genug schöne Erlebnisse gab es natürlich auch: Wir waren mal wieder als große Gruppe im italienischen Nationalzirkus, der grade in Kumasi gastiert, bin kein großer Zirkusfan, aber da waren schon paar gute artistische Nummern dabei. Passend dazu gings paar Tage später zum Pizzaessen, ist schon interessant, wie man sich mittlerweile an die Preise hier gewöhnt hat. 12 Cedi für ne Pizza, zunächst einmal wahnsinnig viel, weil Reis halt nur 1 bis 4 Cedi kostet, aber umgerechnet grade mal 6 € und war echt lecker. Trotzdem, ich persönlich brauchs nicht nochmal, Reis und Yam sind auch lecker und ich fühl mich irgendwie blöd, wenn ich wie die Superreichen hier Essen gehe und damit dazu beitrage, dass die Preise auch für die Einheimischen steigen. Auf ner Hochzeit waren wir auch noch, das war unter anderem vom Raumschmuck her so wie Prinzessinnengeburtstag 3. Klasse (der Bräutigam mit edler rosa Fliege), aber muss man auch mal erlebt haben. Lisa und ich haben zusammen Gari and beans gekocht, unser gemeinsames Lieblingsessen, hat viel Spaß gemacht und gar nicht so übel geschmeckt (ist nicht ganz einfach, von Ghanaern ein Rezept zu bekommen, da wird dies und jenes vergessen, weils für die Leute hier klar ist). Aber der nächste Versuch wird ein kulinarischer Orgasmus! Ansonsten hab ichs endlich mal geschafft, paar Stoffe zu kaufen und die zu unserem Schulschneider zu bringen, die ersten Hosen dürften bald fertig sein. Meiner sechsten Klasse hab ich den Trikotsatz übergeben, den ich von den Sportfreunden mit nach Ghana bekommen habe (herzlichen Dank schon mal an dieser Stelle!), danach gings drunter und drüber – also Schuluniformen drunter und Trikots drüber. Sind öfter mal Schulturniere, also die können die schon ganz gut gebrauchen. Die Schüler verstehen zwar immer noch nichts, passen nicht auf und streiten sich (wenn auch deutlich weniger als am Anfang), aber ich hab mir letztens mal Bilder durchgeschaut und mir gedacht, den Haufen werd ich schon vermissen, wenn ich nach Deutschland zurückkomme, so sehr sie mich hier auch nerven ;)

Jetzt bin ich doch irgendwie froh, dass die EM heute rum ist, hab bis auf Spanien gegen Kroatien und ein paar Stromausfälle alles gesehen, was es zu sehen gab. Waren natürlich super Erlebnisse dabei, mit am besten das erste Spiel gegen Portugal mit richtig viel Stimmung in der Unihalle sowie das Viertelfinale gegen Griechenland im Fernsehzimmer eines Studentenwohnheims, in dem sich die Leute sogar mitunter recht niveauvoll humorvoll auf Englisch unterhalten haben. Den griechischen Trainer fand ich eh jedes Mal super, die ganze Krise Griechenlands versinnbildlicht in einer Person, die fleischgewordene Verzweiflung (Auch wenns ja ein Portugiese war, die sind vom selben Schlag ;) ). Ein Spiel hab ich in Denkyemuoso angeschaut, in einem kleinen Innenhof, überdacht von einer Zeltplane, die Männer alle mit Feuereifer dabei, die Frauen nebendran beim Fufustampfen, auch nicht schlecht. Aber wenn jetzt dann die Bewerbungen auch noch fertig sind, kann ich mich hoffentlich wieder voll auf Ghana konzentrieren und das tun, was ich bisher am meisten genossen habe, Ausflüge machen, im Kindergarten malen und den Alltag hier erleben.

Schöner Artikel, Nela! Hat mir gut gefallen, mit viel Fußball, passend zur EM ;) Ich hoffe, meine Äußerungen über das Schulsystem kamen nicht zu negativ und überzogen rüber, ich hab den Fragebogen glaub ich in einer Zeit ausgefüllt, in der ich grade bisschen genervt von allem war ;D Ist inzwischen viel besser. Jetzt war ich in der Zeitung, im Harthauser Pfarrbrief, im Jahresbericht komm ich auch noch, ich geh den Leuten wahrscheinlich langsam ziemlich auf den Sack :D Hier in Ghana gäbs nur eins, was man über einen derart verhaltensauffälligen Störenfried sagen würde: „Foolish boy, don’t mind him!“

Liebe Grüße, und wers schon gar nicht mehr erwarten kann, auch wieder live und hautnah von mir penetriert zu werden: Neun Wochen sinds noch, dann ist die Schonzeit vorbei!

Viel Spaß im Juli an der Uni, in der Freizeit, bei der Arbeit, in der Schule, auf Reisen, beim Lernen, in der Ausbildung, aufm Klo, unter der Brücke, über den Wolken, unter aller Sau, im siebten Himmel oder wo auch immer!

Matze

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Samstag 16.6.2012, 7.50 Uhr: Hannah und ich sitzen auf der Ladefläche eines Jeeps, wir sind auf dem Weg ins children’s village von Kumasi. Ich mit der Einstellung „endlich wieder kleine Kinder zum spielen“, Hannah „joa, schau ich mir schon mal an und dann fahren wir wieder“. Wie es dazu gekommen ist, dass wir uns eine Stunde später schwitzend, mit nem blutenden Zeh und nem Kackeeimer neben uns auf ner Farm im nirgendwo befinden, werdet ihr gleich erfahren..

Aber jetzt erstmal von Anfang an, der letzte Eintrag ist schon wieder länger her, aber ich versuche das die nächsten Monate zu ändern!

Also was ist die letzten Wochen so passiert, die Arbeit hat wieder richtig angefangen und mit richtig meine ich, dass Matthias und ich eher die Deppen für alles sind. Aber ok, macht man ja gerne wenn die Kinder glücklich sind! Die Lehrer verlassen sich darauf dass ich jeden Tag im Kindergarten stehe und so kommt es dazu, dass wir anstatt zu siebt nur zu dritt sind, und das für 100 Kinder mit Essen kochen und verteilen. Dass die Stimmung zwischen den Lehrerinnen deswegen zur Zeit etwas schlecht ist, ist zwar verständlich aber ich hoffe, dass sich das schnell wieder ändert! Auch Entschuldigungen wie „ich habe einen Pickel hinter dem Ohr und der tut mir beim sprechen weh, deswegen musst du heute Unterrichten!“ gab es letzte Woche. Aber gut, man nimmts mit Humor und versucht sich mit seinem kakra kakra (small small) Twi bei den Kindern Respekt zu verschaffen. Hört sich jetzt vielleicht aber schlimmer an als es ist, ich bin immernoch sehr glücklich mit der Arbeit und vor allem den Kindern, ich hätte es glaube ich nicht besser treffen können! (Kompliment an den Deutsch Ghanaischen Freundschaftskreis, im Vergleich zu anderen Kindergärten können sich hier alle wirklich glücklich schätzen!)

Fließend Wasser haben wir auch endlich, jetzt müssen wir den Kleinen nur noch zeigen wie man so ein Klo benutzt…

Nächstes Wochenende heiratet Madame Esther und natürlich sind wir „invited“, Fotos kommen also im nächsten Artikel in unseren ghanaischen Kleidern!

Unterrichten in der Schule macht auf der einen Seite wirklich Spaß, ist aber auch sehr anstrengend. Aber ich glaube sie haben dazugelernt, morgen schreiben wir erstmal nen Test weil sie die letzten 2 Stunden nicht ernst genommen haben! Die letzten 5-10 Minuten dürfen die Schüler immer bestimmen was wir machen, letztens wollten sie die Übersetzung von „I love you“ und „Kiss me“. Ein paar Tage später bekommt also Matthias eine sehr liebe sms von einer meiner Schülerinnen, ich frage mich was sie geschrieben hätte wenn ich ALLES übersetzt hätte was sie wissen wollte…

Ausflüge mit Kindern haben wir auch schon gemacht, erst mit Barbara (du fehlst hier übrigens sehr) und 2 kleinen Jungs aus ihrem Projekt an den See und Sonntag mit Jessica aus meinem Kindergarten in den Zirkus! Und es freut einen natürlich sehr sie so glücklich zu sehen, liegt aber vielleicht auch an den ganzen Keksen, Schokolade und Eis mit denen wir sie immer vollgestopft haben, man kann aber auch nicht nein sagen! Gestern Nachmittag stand dafür die kleine Jessica wieder vor meiner Tür mit einer Nachricht von ihrer Mama, dass sie sie am Abend wieder abholt also werde ich jetzt wohl auch noch zum Babysitter!

Eine letzte Sache noch dann kommt endlich die Kackegeschichte, Verständigungsprobleme sind hier auch nicht selten, das liegt aber eher am ghanaischen Englisch! „If you are angry we have chicken on the menu“, allgemeine Verwirrung, wieso sollte ich ein Hühnchen essen wenn ich wütend bin? Kurz darauf stellt sich heraus er meint hungry.

Jetzt sind wir schon fast beim Schluss, letzten Samstag morgen sind wir also auf dem Weg ins childrens village mit der ghanaischen Organisation von LosZuGhana, vielleicht hätten wir uns doch davor informieren sollen, was uns erwartet. Nach 1 Stunde fahrt auf der Ladefläche ist mein weisser Rock braun vom Staub und mir fällt ein, dass ich vergessen habe mich einzucremen. Aber egal, wir spielen ja gleich. Endlich angekommen sind aber weit und breit keine Kinder zu sehen, dafür Hühner, Schafe, Katzen, Hasen, Fischteiche, unfertige Häuser und viele viele Pflanzen. Kurz darauf erfahren wir, dass hier nächstes Jahr ein Waisenhaus eröffnen soll und durch die Hilfe von Volunteers und einigen Arbeitern die Arbeit erledigt wird, währenddessen streckt er uns Säcke mit Hühnerkacke hin. Da wir anscheinend doch etwas verwirrt aussehen erklären sie uns zum glück noch was uns erwartet, wir sollen die Hühnerkacke als Dünger benutzen und unter jedes Pflänzchen eine Hand voll werfen. Ich erspare euch das Bild, wie wir nach 5 Stunden Hühnerkacke verteilen aussahen, nachdem es mich auch noch über nen Stock gehauen hat und mit Blätter auf den Fuß gedrückt wurden, damit es aufhört zu bluten.

Trotzdem muss ich sagen dass es wirklich ein sehr tolles Projekt ist und ich auf jeden Fall wiederkommen möchte, wenn es fertig ist! Das childrens village ist nicht wie ein tyisches Waisenhaus aufgebaut ist, sondern die Kinder sollen zu dritt mit einer „Erstzmama“ in den Häusern leben und die Schule im nächsten Dorf besuchen. Wenn also genug Spenden gesammelt wurden, können die ersten Kinder im Juni 2013 einziehen.

Tag 115 in Ghana ist auch schon fast vorbei, Matthias und ich haben heute versucht mein lieblings ghanaisches Essen nachzukochen, beans mit gari und palm oil. Das Ergebnis war ok, wir brauchen aber noch ein bisschen Übung 🙂

Liebe Grüße, ihr fehlt mir

Halbzeitanalyse


GHANAIAN GERMAN SCHOOL

Denkyemuoso – Kumasi

MID-TERM EXAMINATION

Subject: German language

Date: 10th June 2012

 Themenstellung:

Verfasse eine Reizwortgeschichte, in der die Begriffe Tröten, Kröten, Röten, Töten und Löten einen zentralen Stellenwert haben. Die Geschichte kann sich in einem alltäglichen oder abenteuerlichen Handlungsumfeld abspielen. Achte auf korrekte Rechtschreibung, Grammatik und eine saubere äußere Form.

Bearbeitungszeit: Bis(s) zum nächsten Stromausfall

Viel Glück!

Nichts leichter als das! Und keine Angst, es geht weder um satanistische Opferrituale noch um eine feingeistig-abstrakte Neuinterpretation des Walpurgisnachttraums aus Goethes Faust. Stattdessen hier die Gliederung:

 

A Kurze Begrüßung im Zeichen jüngster Ereignisse

B Zusammenschau der seit dem letzten Bericht vergangenen Wochen

B.1 Besondere Erlebnisse

B.2 Aktuelles Alltagsgeschehen

B.3 Zwischenfazit

C Verabschiedung und Ausblick in die Zukunft (klingt immer gut)

 

Yippie Yippie Yeah! Meda’ase paa Manual Newer, Thomas Muller, Tony Cruise & Co.! Schade, dass ich die Stimmung in Deutschland nicht erleben kann, aber Public Viewing hier ist auch nicht schlecht 🙂

Und damit rein in die vergangenen Tage: Am Donnerstag vor zwei Wochen (kommt mir vor wie zwei Monate) bin ich ja wie schon angekündigt mit der Schule nach Accra gefahren. Schön ordentlich mit Kente-Krawatte gings rein in das Regierungsgebäude, wo wir eine Zeit lang eine Parlamentsversammlung angeschaut haben. Hauptsächlich ging es dabei um den Neubau einer Kultur- und Versammlungshalle in Sunyani, mit welchem 1963 begonnen wurde, dessen aktueller Stand aber niemandem so ganz klar war. Bei der vorliegenden Finanzierungstabelle war nämlich blöderweise nicht ganz herauszulesen, ob die Beträge in der alten 2007 abgeschafften Währung oder im neuen Ghana Cedi angegeben waren. Hat für einige Kontroversen gesorgt, letztendlich waren aber alle optimistisch, dass die Halle für eine große bevorstehende Kulturveranstaltung im August 2012 fertig sein würde 🙂 Kurz waren wir dann auch noch am Labadi Beach und in der Accra Mall, soweit ich weiß die einzige City Galerie Ghanas mit dem vermutlich einzigen Laden, in dem es originale Fußballtrikots zu kaufen gab. Die Schüler liefen alle mit großen Augen durch die ungewohnte Glanz- und Glamourwelt, aber letztendlich war es wahrscheinlich für mich selbst noch ungewohnter, das von Zuhause bekannte plötzlich in Ghana zu sehen. Aufgrund einer sehr intensiven Obruni-Konzentration, die sich in Form eines milchig-trüben bis rötlichen Farbausschlags beobachten ließ, sowie der Zugabe einer ätzenden, silbrigen Lösung, genannt Apple-Store, hakte ich das Ganze jedoch als einmaliges Experiment ab und beende den komisch-chemischen Schreibstil hiermit auch wieder.

Statt alleine im Moloch Accra zu bleiben, wie ich eigentlich vorhatte, bin ich dann doch lieber am Abend wieder mit dem Partybus unserer Schule zurück nach Kumasi getuckert. Die richtige Entscheidung. Am Freitag habe ich erstmal das wohlklingende Bobiri Forest Butterfly Sanctuary in der Nähe von Kumasi besucht, in dem es wieder einmal wunderbare Regenwaldnatur und eine wirklich unglaubliche Schmetterlingsvielfalt zu genießen gab. Und ich konnte sogar zusammen mit einer englisch-indischen Forscherfamilie Spaghetti essen. Von dort aus fuhr ich direkt weiter an den vielgerühmten Lake Bosumtwi, der, wie sich herausstellen sollte, zu Recht gerühmt wird. Wir waren insgesamt neun Volunteers aus vier Nationen und haben einfach einen der Fischer gefragt, ob wir gegen etwas Bezahlung an seinem Strand zelten dürfen. Durften wir, genauso wie ein gemütliches Lagerfeuer machen und mit einem der traditionellen Einbäume auf den See hinauspaddeln. Nach der Ashanti-Kultur ist es nämlich nicht erlaubt, normale Fischerboote zu benutzen. Ein rundum gelungenes Wochenende, an dem auch die nach Baden und Wandern recht gerötete Haut nichts änderte!

Mit in etwa der gleichen Gruppe, zahlenmäßig nun sogar unter dem Motto „Zehn Freunde sollt ihr sein“, hieß es am 1. Juni ab ins Stadion! WM-Qualifikation Ghana – Lesotho. Für alle, die sich in der Materie des runden Leders nicht sonderlich passsicher fühlen, sei erwähnt: Ghana gilt auf dem afrikanischen Kontinent fußballerisch als absolutes Schwergewicht, während Lesotho ebenbürtige Gegner wohl eher in San Marino oder den Färöer Inseln finden würde. So muss man letztendlich sagen, wer weiß, was passiert wäre, wenn sich die Spieler von Lesotho nicht innerhalb eines etwa einstündigen Flutlichtausfalls in den Kabinen hätten erholen können – das Endergebnis von 7:0 wäre wohl erst der Anfang gewesen. Wir haben es ihnen jedoch gleichgetan und uns in der nächstbesten Bar erholt, unwissentlich, wie es weitergehen würde, bis dann plötzlich der Mob wieder ins Stadion gerannt ist. Stimmungstechnisch war das Ganze natürlich erwartungsgemäß ein Highlight, zumal wir uns vorbildlich mit allen möglichen Fahnen, Trikots und sanft-melodischen Tröten eingedeckt hatten. Für alle, die immer noch über die Namensgebung meiner Blogadresse rätseln, sei an dieser Stelle des Pudels Kern offenbart – halt, wir wollten ja von Goethes Faust die Finger lassen: „Black Stars“ lautet der Spitzname für die ghanaische Nationalmannschaft, den auch jeder Fan verwendet, wenn über das Team gesprochen wird. Ganz unspektakulär.

Am nächsten Tag ging es mal wieder auf den Markt nach Kumasi, diesmal zum Lederkaufen. Stichwort Leder, die Handwerkerabteilung hat schon ihren ganz eigenen Charme: Da wird gelötet und geschweißt, gehämmert und geschraubt, gesägt und gebohrt, und das meiste mit recht wenigen technischen Hilfsmitteln. Rastabruni Max, einer aus der Gruppe, hatte in seinem Projekt gelernt, wie man selber Schuhe macht, und wollte uns nun auch in jene feinen Künste einweihen. Dank ghanaisch gelassener Herangehensweise unsererseits, kombiniert mit Stromausfall, begann das Schnibbeln und Schablonieren erst abends im Kerzenlicht. Romantisch, hatte bisschen was von Weihnachtsbastelei. Für meine Plattfüße gabs allerdings noch keine passenden Muster, sodass ich erstmal mit Lederarmbändern angefangen habe.

Der Alltag in Denkyemuoso ist zurzeit gerade geprägt von allem möglichen zu tun. Da ist erstmal der Unterricht in der Grundschule, der sich mühsam wie eh und je gestaltet. Man muss es leider so traurig sagen, aber selbst mit den letzten zwei Themen, für die mich Grundschüler in Deutschland auslachen würden, konnte ich die mathematischen Blockaden der Schüler hier nicht abbauen. Ich zeichne Zahlenpyramiden nach dem Schema 1, 1+2, 1+2+3 und 1+2+3+4 hin, die Schüler wissen nicht, wie sie dasselbe für 5 und 6 machen sollen. Dafür habe ich am Freitag ganz schön mit der Klasse gemalt und es war auch ohne die Klassenlehrerin erträglich diszipliniert. Wenn ich die Schüler im Dorf oder so sehe, grüßen alle immer super süß und freuen sich, und im Unterrichten ist dann vieles so unglaublich schwierig, einfach schade.

Die eine Deutschklasse will ständig Neues lernen und Überstunden machen, aber wenn ich alten Stoff abfrage, kann sich kaum einer noch erinnern, auch nicht so optimal. 🙂 Oft kommen irgendwelche Schüler vorbei, der eine will, dass ich ihm einen Facebookaccount einrichte, der nächste ein bisschen Mathenachhilfe, der dritte braucht nur ein Pflaster. Manches mache ich gerne, keine Frage, aber manches nervt auch, wenn zum Beispiel Schüler, die nie zum Unterricht kommen, plötzlich um ein Handout mit sämtlichem Stoff betteln. Viele Lehrer hier haben grade so eine Art Referendariatszeit, die bald zu Ende ist, und brauchen für ihre Beurteilung ein Video über eine Unterrichtsstunde. Ein Lehrer, mit dem ich mich gut verstehe, hat mich da gefragt, ob ich ihn filmen könnte und war auch sehr interessant und nett, aber dann sind halt nach und nach noch fünf andere gekommen, die mich zum Teil bisher nie besonders beachtet haben, da kommt man sich dann auch mal ein bisschen blöd vor. Mit dem Alphabet im Kindergarten bin ich jedenfalls nicht besonders weitergekommen die letzte Woche und das muss ja auf alle Fälle fertig sein, wenn Ende Juli das Reisen losgeht. Übrigens wird mich da dann die letzten drei Wochen mein Papa besuchen, freu mich schon wie ein ghanaischer Schneekönig.

Apropos Wetter: Mittlerweile stecken wir hier mittendrin im Schlamm-Assel, also in der Regenzeit. Das heißt, es schüttet und gewittert regelmäßig richtig rasant runter, vor allem abends, und kühlt auch mal für ein, zwei Tage angenehm ab. Aber ansonsten ists tagsüber auch wieder gewohnt heiß, dass einem die Suppe nur so über den Kühler rinnt. Kennzeichnend für einen Spaziergang nach Tanoso im feucht-fröhlichen Milieu sind vor allem zahlreiche Kröten, die einem von links und rechts über den Weg hüpfen. Hätten wir das auch abgehakt.

Ich fühle mich grade ein bisschen so, als würde sich die Zeit hier schon dem Ende zuneigen, derweil ist ja erst etwas mehr als die Hälfte vorbei. Alles vergeht einfach so schnell, ich hab noch so viel zu tun und richtig an der Schule bin ich ja nicht mal mehr für zwei Monate, von denen sich die nächsten drei Wochen nachmittags vor allem um Erdnussknabbern und Arschwundsitzen in Tanoso drehen werden.

Was bleibt als Fazit nach über drei Monaten Ghana? Am Anfang natürlich erstmal ein Schwall an neuen Eindrücken, der die ersten Wochen zu einem überwältigenden Abenteuertrip gemacht hat. Faszination und purer Genuss am afrikanischen Alltag. Der Gedanke, endlich in Ghana angekommen zu sein, hat mich stets aufs Neue mit wohligen Glücksgefühlen einschlafen lassen. Danach kam die Reisezeit, zum ersten Mal alleine durch ein fremdes Land zu kreuzen, Norden, Süden und Westen abzugrasen, interessanteste Begegnungen und Entdeckungen zu machen – unglaublich tolle Wochen, an die ich mich immer noch gerne zurückerinnere.

Mittlerweile der Schulalltag, wozu ich ehrlicherweise sagen muss, dass ich nicht jeden Tag voller Elan morgens aus dem Bett hüpfe. Das Unterrichten an der Grundschule ist einfach in vielen Dingen so ernüchternd, wenn ich es zum Beispiel damit vergleiche, wie viele schöne Momente mir die Praktika im Kindergarten in Deutschland gebracht haben. Da bin ich eben hier nach drei Monaten immer noch mehr ein Fremdkörper als nach zwei Wochen dort. Ich meine gar nicht so sehr, dass die Schüler den Stoff nicht verstehen, sondern eher, dass sie sich zum Beispiel immer noch ständig streiten und nicht aufpassen und mir damit quasi klarmachen (bzw. auch direkt sagen), dass sie mich erst dann voll respektieren, wenn ich zu schlagen anfange. Aber man darf es auch nicht ständig vergleichen, das hier ist eine einzigartige Erfahrung, etwas ganz anderes, man muss eine angemessene Sichtweise behalten und sich an den vielen kleinen Dingen erfreuen, die einem vielleicht erst bei einem genaueren Hinblick bewusst werden. Die knuddeligen Hosenscheißer hier im Kindergarten machen natürlich auch einiges wett. Ich habe meinen Platz gefunden, schwierige und schöne Aufgaben an der Schule und im Kindergarten, Freunde unter Lehrern und Schülern und nette Volunteers, mit denen man auch mal kurz aus dem Alltag hier abtauchen kann. Ganz unabhängig von Ghana genieße ich es auch, meine eigene kleine Wohnung zu haben und mal ganz für mich selbst zu sorgen, den „Haushalt“ zu schmeißen und nicht in die Verwahrlosung abzurutschen 😉 Eine Erfahrung, die fürs Studium sicher nicht schlecht ist. Dazu gibt es übrigens nur zu sagen, dass ich mich bei der Fachsuche die letzten Tage ziemlich im Kreis gedreht habe und weiterhin vieles interessant finde, aber auch überall kleinere oder größere Unstimmigkeiten sehe.

Das solls erstmal gewesen sein. Ich hoffe, am Mittwoch ein packendes Spiel ohne Strom- oder Bildausfall zu sehen, denn dank Franz Beckenbauer wissen wir ja schließlich: Die Holländer sind vorne vom Feinsten bestückt! Ich hab mal kurz überlegt, ob ich hier wirklich ständig EM schauen will oder nicht besser was mache, was ich in Deutschland nicht machen kann – aber wenn schon die Ghanaer nur noch Fußball im Kopf haben, wieso dann nicht auch ich.

Gäbe noch drei Themen, die ich gerne mal hier im Blog ausführen würde, aber ich will auch nicht die ganze Zeit nur vorm Laptop hocken: Erstens eine Sammlung von allen möglichen Beobachtungen, die ich hier so seit meiner Ankunft gemacht habe, zweitens ein kurzer Blick in die ghanaische Küche und drittens ein kleiner Sprachkurs Ghanaian English, was angeblich sogar als eigene Sprache anerkannt ist.

Also machts gut, für blöde Sprüche sind mir die Holländer zu sympathisch und hier in Ghana gibts eh keine Müllabfuhr!

Ach ja, das letzte Reizwort fehlt noch: Gesundheitlich gehts mir erstaunlich gut – Chilli und Pepper töten eben alle Keime 🙂 Auch wenn nach 285 Minuten Fußball wie am Samstag schon mal der Schädel brummt: Ghana – Sambia, Holland – Dänemark, Deutschland – Portugal und noch ne Viertelstunde Brasilien –Argentinien.

Wünsch euch allen nen schönen und erholsamen Fußballsommer!

Mit freundlichen Grüßen

Matze

Alles neu macht der Mai?


„… das muss reichen, um zufrieden etwas ruhigeren Zeiten in Denkyemuoso entgegenzustreben.“ Hab ich am Ende des letzten Reiseberichts geschrieben. Das „ruhig“ möchte ich im Folgenden nun gerne ein wenig relativieren.

Vorab allerdings eine kurze Frage: Ist es seit Samstag moralisch verwerflich, zum Wäschewaschen Blues Brothers zu hören?

Womit schon einmal die beiden männlichsten Dinge genannt wären, mit denen ich mir hier so die Zeit vertreib: Fußballschauen und Wäschewaschen. Während ich zu ersterem im Moment besser Stillschweigen bewahre, muss ich zum Waschen sagen, das ist ab und zu echt richtig angenehm, sich einfach mal hinzusetzen, bissl Musik zu hören und Kleidung und Gedanken in Ordnung zu bringen.

Die Vormittage verbringe ich seit einiger Zeit vor allem damit, im Kindergarteninnenhof das Alphabet mit passenden Symbolen an die Wand zu malen (von A wie „antelope“ bis Z wie „zebra“). Lisa hat schon einen Gruppenraum gestaltet und sieht richtig super aus, also ich schau, dass ich mich da ranhalten kann. Aber macht echt Spaß, sich so in seine eigene Welt zu malen, während ein Haufen kleiner Kinder fröhlich um einen herumhüpft. Und je mehr die Sache Form annimmt, desto einfacher gehts dann auch ans Werk.

Zum Unterricht in der Grundschule kann ich immer noch nicht so wirklich ein Zwischenfazit bilden. Mal klappts echt gut, die Kinder passen auf und die Übungsaufgaben werden recht ordentlich bearbeitet, aber am nächsten Tag kommt dann wieder kaum einer bei einfachsten Sachen mit und auch nach zehn Beispielaufgaben kann keiner fehlerfrei drei Übungen abliefern (sechste Klasse, müsste man doch 140 durch 7 im Kopf rechnen können oder nicht?). Zwei, drei Schüler, der Größe nach schon zweimal durchgefallen, bleiben in der Regel an vier von fünf Tagen lieber zuhause und die Lehrerin weiß auch kein anderes Mittel, als bei den Kandidaten dann für ein falsch buchstabiertes Wort den Stock besonders motiviert sausen zu lassen. Ich selber hab bis jetzt leider auch keine Idee, was man bei solchen Problemfällen machen könnte, die kaum ein Wort Englisch von mir verstehen.

Der Deutschunterricht gestaltet sich munter, die eine Klasse wollte gestern unbedingt die deutsche Nationalhymne lernen (kann ja nicht schaden für die EM) und in der anderen Klasse durfte ich vor kurzem einen neuen Positivrekord von sieben anwesenden Schüler feiern.

Auf der Suche nach passenden Studiengängen hab ich die letzten Wochen so viel Zeit im Internetcafé verbracht, dass die zwei sehr netten Betreiber mir gleich ein Jobangebot gemacht haben. Sie wüssten zwar selbst nicht genau, wie ich ihnen helfen könnte, aber sie würden sich auf jeden Fall freuen :) Klingt ganz interessant …

Was gibts sonst noch zu erwähnen: Ich war in Bonwire, einem kleinen Dorf, das für die Herstellung von traditionellen Kente-Stoffen bekannt ist, und hab mich am Muttertag mal ganz intensiv Kumasi gewidmet. Okomfo-Anokye-Schwert, National Cultural Centre mit sehr interessantem Museum, Stadtzentrum Adum und sämtliche Denkmäler und Statuen. Skurrile Geschichten, die die Ashanti-Kultur zum Teil so liefert – genannt sei ein so langsam verrottendes Bündel aus Elefantenleder, von dem keiner weiß, was drin ist, weil es der Sage nach nicht geöffnet werden darf. Fand ich echt spannend, so über die Traditionen, Erzählungen und Bräuche zu lernen, und ich bekomm mittlerweile auch richtig Lust, was schönes Kulturwissenschaftlich-Gestalterisches zu studieren, wenn ich nur wüsste, was genau. Vermutlich aber eher nichts mit Musik und Film: Hab letztens mit den Schülern hier ein kleines Tanz- und Musikvideo gedreht, und auch wenn ich nur hinter der Kamera stand, bezweifle ich doch sehr, dass sie damit wie erhofft in Europa den großen Durchbruch schaffen …

Zwei Tage innerhalb der letzten Wochen möchte ich noch besonders herausheben, was sich jetzt wohl ein wenig hinziehen wird.

Der erste sah so aus, dass ich erstmal mein Zimmer aufgeräumt hab und dabei schon ständig in irgendwelchen Mitbringseln, Karten und sonst was aus Friedberg und der Heimat hängen geblieben bin. Ich fand solche Tage in Deutschland schon immer seltsam irgendwie, stundenlang in alten und neueren Erinnerungen zu schwelgen und dann plötzlich wieder zurück ins Leben aufzuwachen – aber das Ganze dann noch hier in Ghana. Dann hab ich zu allem Überfluss auch noch in der Schulbücherei rumgestöbert und dort unser altes ‚Green Line New‘-Englischbuch aus der sechsten Klasse gefunden. Passiert mir sonst ja nie, aber dazu muss ich jetzt doch eher Sentimentalitäten als den großen Matze raushängen lassen. Nochmal „Robin Hood and the silver arrow“ durchzulesen, mehr als sieben Jahre später und nun nicht mehr als kleiner (süßer?) Schüler, sondern als Lehrer einer sechsten Klasse weit weg in einem Land, das damals für mich wohl nur ein kleiner, unscheinbarer Ort im Atlas war. An alte Zeiten und Geschichten von und mit Mark Penrose, Becky Burton und Nottingham Kaschtl zurückzudenken, an Nachmittage, die man brav mit Vokabelschreiben und glücklich mit Räuber-und-Gendarm-Spielen verbracht hat, und sich bewusst zu machen, was für eine schöne Schulzeit und Kindheit man doch hatte. Sich gleichzeitig die Gegenwart und Zukunft vor Augen zu halten, ein einziges riesiges Erlebnis und Abenteuer mitten in Afrika. Eine Mischung aus Dankbarkeit, Zufriedenheit, ein bisschen Heimweh und einer Prise Stolz.

Der zweite der erwähnten Tage war der letzte Sonntag. Schon der Abend zuvor hatte ja wenig Anlass zu Freudentänzen geboten (auch wenn die meisten Ghanaer in dieser Hinsicht anderer Meinung waren), aber – Stichwort: „Lebbe geht weider“ – alles halb so wild. Bewegender war dagegen, in einem sehr ergreifenden Buch zu lesen, das ich beim Aufräumen in meinem Zimmer entdeckt hatte. Arundhati Roy, Die Politik der Macht. Die indische Autorin beschreibt darin unter anderem, wie in ihrer Heimat durch riesige Dämme Natur und Ökosysteme unwiederbringlich zerstört und Millionen Menschen vertrieben und heimatlos gemacht wurden. Auch die wenig glanzvolle Rolle von Weltbank, indischem Staat und internationalen Entwicklungsorganisationen wird dabei nicht ausgespart:

„Ich stand auf einem Hügel und lachte laut. Ich hatte mit dem Schiff von Jalsindhi über die Narmada gesetzt und war die Anhöhe am anderen Ufer hinaufgestiegen. Von dort sah ich, verteilt über die Kuppen niedriger, kahler Hügel, die Adivasi-Stammesdörfer Sikka, Surung, Neemgavan und Domkhedi. Ich sah die luftigen, zerbrechlichen Häuser, die Äcker und Wälder dahinter, die kleinen Kinder, die mit noch kleineren Ziegen durch die Landschaft sausten wie motorisierte Erdnüsse. Ich wusste, die Kultur, die ich vor mir sah, war älter als der Hinduismus – und dazu verurteilt (mit dem Segen des Obersten Gerichts im Lande), während des nächsten Monsuns im steigenden Wasser des Sardar-Sarovar-Stausees unterzugehen.

Warum lachte ich? Weil mir plötzlich einfiel, wie väterlich besorgt die Richter des Obersten Gerichtshofes in Delhi sich (bevor sie den gerichtlich verfügten Baustopp am Sardar-Sarovar Staudamm aufhoben) danach erkundigt hatten, ob für die Kinder der Adivasi, der indischen Ureinwohner, in den Umsiedlungsdörfern auch Spielplätze vorgesehen seien. Die Anwälte der Regierung hatten sich beeilt zu versichern, dass dem so sei und dass es auf allen Spielplätzen Wippen, Rutschen und Schaukeln gebe. Ich sah zum endlosen Himmel auf und hinunter zum dahinströmenden Fluss, und einen kurzen, ganz kurzen Augenblick lang verkehrte die Absurdität des Ganzen meine Wut ins Gegenteil, und ich lachte. Ich wollte niemandes Gefühle verletzen.“

Warum ich das alles so ausführlich in meinen Blog schreibe? Weil ich mich in dem Moment daran erinnert habe, wie ich in Bui während des Sonnenuntergangs auf dem Hügel stand und über den Park blickte. Ich hatte damals kaum an den Damm gedacht, der dort gerade gebaut wird und nach seiner Fertigstellung zwar keine Menschen, aber die dort lebenden Nilpferde und anderen Tiere vertreiben wird. Der Damm hilft ganz Ghana, hatte es geheißen. Was wird er wirklich bringen, wem bringt er was? Sicher dem chinesischen Unternehmen, das für den Bau zuständig ist. Was zerstört er, wem schadet er? Wie sieht es tatsächlich aus mit der Entwicklung in Ghana, in Afrika, in der Welt? „Die Entwicklungshilfe ist ein paternalistisches Unternehmen. Wie seinerzeit der Kolonialismus. Sie hat den größten Teil Afrikas zerstört. Bangladesch ächzt unter der Last ihrer Gaben.“, schreibt Arundhati Roy. Der Leser bewegt sich auf elementare Fragestellungen zu: Was geht eigentlich vor in unserer Welt? Was ist gut, was ist schlecht? In Indien zwingen Globalisierung und Fortschritt Menschen dazu, ihre Heimat, Kultur und Identität aufzugeben. In Ghana machen es manche freiwillig, weil ihnen von Anfang an beigebracht wird, dass alles andere besser ist als das eigene. Auf einem Flachbildfernseher englische Premier League anzuschauen, das höchste der Gefühle. Auch wenn man selbst nur davon träumen kann, das Land tatsächlich einmal zu besuchen. Ist das der neue Wohlstand, den die Globalisierung überall auf der Welt verbreitet hat? Der selbsternannte Touristenführer schraubt schon mal die Eintrittspreise nach oben, damit er sich zum Frühstück in Zukunft auch importierte Marmelade leisten kann. Selbst tief in der Savanne heißt der Traumberuf auf einmal ‚Businessman‘ – mit Altkleiderspenden aus Europa lässt sich schließlich gutes Geld verdienen.

Müssen alle Bewohner unserer Erde Englisch sprechen und einen Computer bedienen können? Was ist es wirklich, was ich hier in Ghana in meinem Umfeld bewirke und verändere? Ghana ist nicht Indien, ich weiß. Hier würde kaum jemand behaupten, dass sich das Land gerade in einer negativen Entwicklung befindet – im Gegenteil. Dürfen wir also hoffen, dass zumindest dieses Fleckchen Afrikas einmal an „unsere“ Standards heranreicht und die Menschen glücklich damit sind? Ein modernes, gebildetes Volk, das zu seiner Heimat und Kultur steht?

Mit diesem Gedanken habe ich das Buch wie ein Denkarium zur Seite geschoben und war froh, dass der ghanaische Alltag mich gut gelaunt zurück empfangen hat. Was bleibt als Erkenntnis? Nicht alles, was rund ist, sich dreht und unser Leben bestimmt, ist ein Fußball. So verrückt es auch klingen mag ;)

Morgen macht die GGS einen Ausflug nach Accra, unter anderem soll das Regierungsviertel, die Börse und die Shopping Mall besichtigt werden, und da Freitag Africa-Unity-Feiertag ist, werde ich das Wochenende wohl in der Hauptstadt verbringen. Also purer Genuss mal wieder :)

Liebe Grüße ins wärmer werdende Deutschland, bei uns hat mittlerweile die Regenzeit begonnen …

Matze