Schlagwort-Archive: Praktikum

Sweet home à la Ghana


Ein herzliches Hallo aus Ghana, vermutlich schon zum letzten Mal,

eigentlich wollte ich noch viele, viele Blogeinträge schreiben, genügend Lust und Erzählstoff hätte ich, aber Reisen, Erleben und Entdecken klingt dann doch noch besser als Schreibtisch und Laptop.

Der Abschied an Schule und Kindergarten war eine Mischung aus traurig und wunderschön, hab sogar noch voll liebe Geschenke bekommen; die ersten Ferientage war ich im Norden in Bolgatanga, Paga, Tamale und Mole und jetzt kommen dann schon die letzten drei Wochen mit meinem Papa. Also die Endphase macht grade nochmal richtig viel Spaß, dazu gibts noch dies und jenes, um das man sich kümmern muss, deswegen an dieser Stelle nur ganz kurz:

Bis bald in Deutschland, ich freu mich inzwischen auch wieder riesig auf Zuhause! Bleibt noch zu hoffen, dass ich alle Fotos, Mitbringsel, Erfahrungen und Erlebnisse sicher über Sahara und Bosporus bringe, dann steht einer fetten Fete in vier Wochen nichts mehr im Wege 😉

Bis dahin eine schöne Zeit, alles Gute, oder wie der Ghanaer zu sagen pflegt: God bless you!

Liebe Grüße

Matze

Werbeanzeigen

Enten an den Wänden und Rastas aufm Kopf


Ist jetzt schon ein bisschen länger her, dass ich mich zu Wort gemeldet habe. Dafür gibts heute einen ausführlichen Bericht, zumindest so lange wie ich motiviert bin zu schreiben :)

Fast ist die Hälfte der Zeit um und ja, langsam bekomme ich Panik, dass mir meine restliche Zeit nicht reicht. Die letzten Wochen ist einfach so viel passiert und es gibt trotzdem noch genügend was ich sehen und erleben möchte!

Inzwischen sind meine Essensgelüste so gestiegen, dass ich mir letztens erstmal nen Chickenburger gegönnt habe, nur weil da eine Scheibe Käse drauf war. Auch wenn er trocken war und mir definitiv nicht geschmeckt hat, hab ich seitdem mehrere in Accra gegessen, ich bin eine schlechte Vegetarierin aber ich habs nicht mehr ausgehalten.. Und es ist fast unmöglich hier auf Fleisch zu verzichten, auch wenn einem immer gesagt wir, dass da natürlich kein Fleisch oder Fisch drin ist. Nachdem ich aber mehrere Fischköpfe oder undefinierbare Fleischstücke in meinem Essen gefunden habe, gebe ich es auf und esse drum herum.

Über den Kindergarten kann ich gerade nicht viel sagen, die letzten 3 Wochen waren Ferien, die Erzieher haben mir nach einem kleinen Unfall meine Haut mit ner Bastelschere abgeschnitten (keine Sorge, DANACH wurde sie desinfiziert) und seit 2 Tagen stehe ich vor geschlossenen Türen, obwohl der Unterricht schon gestern anfangen sollte! Ghanaische Arbeitsweise.. Aber anscheinend haben wir endlich fliessend Wasser, die zu großen Rohre wurden die letzte Woche durch kleinere ersetzt, was bedeuten würde, dass wir die Kleinen endlich waschen können und ich mal im Kindergarten aufs Klo kann! Ich glaube es aber erst, wenn ich es selber gesehen habe! Inzwischen haben wir auch eine dicke Ente und eine kleine dicke Eule an den Wänden, die Kinder freuen sich und es wird bunter :) Bilder kommen noch wenn ich es geschafft habe, alles fertig zu malen, dafür muss der KG aber erstmal öffnen.

Unsere Klasse hat sich auch vergrößert, wir haben jetzt ungefähr 40 Schüler, was definitiv zu viele sind! Ein Klassenraum steht noch leer und ich verstehe nicht, warum der nicht genutzt wird, wir sind 7 Lehrer für 3 Klassen, eine 4. würde vieles erleichtern! Erschreckend war auch zu sehen, wie viele Eltern am Ende vom letzten Term die “Kindergartengebühren” in Form von einer Packung Kreide (50 Cent), einer Klorolle (25 Cent) und einem Desinfektionsmittel (nochmal 50 Cent) nicht bezahlen konnten und ihre Kinder mit leeren Händen in den Kindergarten geschickt haben. Und das obwohl beide Elternteile arbeiten, meistens auch noch rund um die Uhr oder der Vater wegzieht um mehr Geld zu verdienen. Da manche Familien aber zu viele Kinder haben und diese nur sehr schwer versorgen können, bleibt die Bildung leider auf der Strecke. Ohne Kindergeld oder sonstigen finanziellen Unterstützungen bleibt alles an den Eltern hängen.

In der Senior High school fanden kurz vor den Ferien die Deutschtests statt. Nach zahlreichen Schummelversuchen mit Blättertauschen, versteckten Büchern und Unterhaltungen in Twi, halten trotzdem noch viele Eisbär Knut für unsere Bundeskanzlerin und ihren “roommate” bezeichnen sie als Raummatte. Und auch wenn viele im Test nicht gut abgeschnitten haben (was vielleicht auch daran lag, dass wir manche Schüler zum ersten mal gesehen haben. Ich frage mich, was sie die letzten 2 Monate gemacht haben), gibt es auch einige bei denen man merkt, dass sie sich wirklich Mühe gegeben haben, was sich auch gelohnt hat!

Karfreitag haben dann unsere Ferien angefangen und wir sind über das Osterwochenende nach Kokrobite an den Strand gefahren, uns am ersten Tag gleich einen schönen Sonnenbrand geholt und die restliche Zeit im Schatten verbracht! Mit Bleistift angemalte Eier und Schokocookies gabs auch, Collins (Ghanaer) war aber sehr irritiert als wir ihm gesagt haben, er muss seine Geschenke jetzt suchen. Nach 2 Tagen in Kumasi gings dann auch schon wieder los in den Norden, Affen füttern, den heiligen Hein besichtigen, bei den Kintampo falls schwimmen. Von Tamale gings dann in den Mole Park, wir hatten Glück und sahen 11 Elefanten, Antilopen, Krokodile, “Pumba” und viele andere Tiere auf unserer Safari zu Fuß und aufm Jeep. Nach 2 Tagen hatten wir alles gesehen und über Bolgatanga gings nach Paga, auf Krokodile setzen bis hin zur Grenze von Burkina Faso, wo wir auch kurz rübergelaufen sind um Fotos zu machen. Nach über 10 Stunden heimfahrt ohne Klima oder wenigstens Ventilatoren (wir dachten oft, bei der nächsten Vollbremsung schwimmen wir einfach vom Sitz) und meiner halben Vergiftung durch die Cashewschale und ihr toxisches Öl, sind wir endlich wieder in Kumasi angekommen, um gleich danach wieder nach Accra zu fahren. Über Accra gibts nicht viel zu sagen, außer dass es die Entspannendsten Tage seit langem waren! Wir durften netterweise in dem Haus einer Bekannten übernachten und nachdem man eher Bettwanzen, Stromausfall und Eimerdusche erwartet, war es wie im Paradies und wir haben es sehr genossen!

Langsam komme ich auch schon zum Ende, Hannah und ich haben uns gestern in einer spontanen Aktion Rastas flechten lassen, wenn man hier wohnt muss man es wenigstens einmal gemacht haben :) Nach 2.5 Stunden Höllenschmerzen war es endlich fertig, das Ergebnis ist gar nicht soooo schlimm wie erwartet aber 2 Packungen Extensions sind schwer.

Das wars erstmal von meiner Seite, so wie es aussieht hab ich heute wieder frei also such ich mir mal eine Beschäftigung, irgendjemand wird schon Hilfe brauchen.

Ganz ganz liebe Grüße!!

Im Westen viel Neues


Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erleben. Unter diesem Motto ging es für mich über Ostern in den Westen – fünf Tage geprägt von richtig guten Erlebnissen.
Es ging munter los am Karfreitag – der Herr möge es mir verzeihen – wo ich im Städtchen Wenchi Quartier schlug. Die meiste Zeit dort verbrachte ich allerdings auf der Suche nach selbigem, da die zwei billigeren Hotels aus meinem Reisehandbuch beide ausgebucht waren. So stand ich am Ende vor einer recht teuren Lodge (das heißt 45 Cedi (22€) für ein Zimmer, aber das sind hier halt dreißig Abendessen oder eine Trotrofahrt durch ganz Ghana und zurück) und hab schon mal die dümmsten Alternativen durchgedacht. Die Leute in der Lodge waren dann aber supernett, haben mir erstmal frische Mangos serviert und dann zu einem vierten Hotel gebracht und dort den Preis für mich auf 30C runtergehandelt. So viel Hilfsbereitschaft, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten, ist zwar auch hier in Ghana eher selten, aber doch häufiger als bei uns, denke ich. Glück im Unglück, Fazit: Vorher buchen oder Zelt kaufen.
Von der übrigen Zeit ging dann nochmal einiges beim verzweifelten und letztendlich erfolglosen Versuch drauf, im Internetcafé ein sechzehnsekündiges Video hochzuladen. Ansonsten hatte Wenchi schon mal viel davon zu bieten, was den Norden Ghanas vom Süden unterscheidet: Mehr Moscheen, mehr Fahrräder, mehr Kühe, und ich denke eine andere Lebensweise; einfacher, traditioneller und bescheidener. In Erinnerung bleibt mir ein Moment abends auf einem kleinen Platz – in der Mitte fußballspielende Kinder, drumherum eine Moschee, ein Ziegenstall, Palmen, darunter Großmütter mit Enkeln beim Kochen und Frauen mit Babys in traditionellen Gewändern beim Wasserholen, dazu der Gesang des Muhidzins – und ich konnte einfach nur ungestört dastehen und genießen und mich am Ende kurz und schmerzlos mit den Leuten unterhalten. Um neun im Hotelzimmer klopfts plötzlich an der Tür, ich mach vorsichtig auf und es kommt ein Typ rein, der mir nur seine Visitenkarte gegeben hat und gemeint hat, sie kümmern sich darum, dass es Fremden in Wenchi gut geht, bei Problemen soll ich ihn einfach anrufen, und ist wieder gegangen. Dubios, aber dabei ist es dann auch geblieben.
Samstagmorgen gings weiter in den Bui-Nationalpark, das ursprüngliche Hauptziel meiner Reise. Dort haben mich zwei Geschäftsleute aus den USA bzw. Indien auf ihrem Pickup mit durch den Park genommen, ein ziemlicher Glücksfall. Die angepriesenen Nilpferde im Volta haben wir zwar nicht gesehen, dafür aber eine artenreiche Savannenlandschaft, traditionelle Fischer und den Staudamm, der dort gerade von einer chinesischen Firma gebaut wird und ab nächstem Jahr zwanzig Prozent des Energieverbrauchs Ghanas liefern wird, sehr beeindruckend. Leider wird der Stausee große Teile des Parks fluten und wohl die Nilpferde vertreiben. So hat auch diese Seite zwei Medaillen (Rudi Völler, glaub ich). Auf einem nahegelegenen Hügel, von dem aus man in schier endlose Weiten blicken konnte, hab ich mir den Sonnenuntergang angeschaut und gedacht, besser gehts eigentlich nicht – doch zu früh gefreut, am Montag kams noch doller.
Zunächst bin ich jedoch am nächsten Morgen mit dem Parkguide hinten aufm Moped ins nächste Dorf gefahren, Banda Nkwanta, wo ich aufs Dach einer sehr bekannten alten Moschee in Lehmbauweise steigen durfte. Unterwegs wurden wir von einem Polizisten angehalten, der recht humorlos meine Tasche und Kamera durchschaute, wohl bezüglich diskreten Informationen über den Damm, aber bis zu den Fotos ist er zum Glück nicht vorgestoßen. Wir haben zwar alles mit offizieller Führung durch einen der Ingenieure gemacht, aber hätte womöglich trotzdem Probleme gegeben. Man kommt sich schon immer ein bisschen vor wie in einem schlechten Film, weil die Polizisten hier alle mit schweren Geräten auf dem Rücken rumlaufen, aber bis auf den einen waren bis jetzt alle recht freundlich. Die zweite Station des Tages war dann Kintampo, wo es zum einen den offiziellen Mittelpunkt Ghanas (laut dortiger Inschrift zugleich das Zentrum des Universums) und zum anderen sehr berühmte Wasserfälle zu bestaunen gab, unter denen man sich erfrischend abduschen konnte, auch wenn mein halbnackter Obruni-Astralkörper leider eine ziemliche Attraktion darstellte 😉
Das unerwartete Highlight der Reise kam dann wie gesagt am Ostermontag. Nachdem ich zwischenzeitig pleite war und das Geldabheben einige Zeit und Umwege gekostet hatte, wollte ich eigentlich nur noch kurz im als sehr schön beschriebenen Benediktinerkloster Kristo Buase nahe Techiman vorbeischauen. Sehr schön war dann allerdings so dermaßen untertrieben, dass ich spontan noch eine Nacht dort dranhängte. Das Kloster lag, durch schattige Obstwälder und wilde Feuchtsavanne abgeschieden vom Rest der Welt, zwischen canyonartigen Felsen und prächtigen Gärten – ein Paradies auf Erden, eine Oase der Ruhe. Oder, ums etwas zeitgemäßer und dennoch religionsnah auszudrücken: Holy shit, göttliche Scheiße! Die Felsen boten eine noch herrlichere Aussicht als der Hügel in Bui, die Natur war noch vielseitiger und in den Klostergärten konnte man zum Beispiel reife Sternfrucht vom Baum pflücken und essen. Auch als Kurzzeitbesucher wurde ich gleich eingegliedert in das Leben der Mönche, unter denen auch zwei Weiße aus Schottland waren. Das heißt alle paar Stunden gemeinsames Gebet, Andacht oder Gottesdienst, was ich für den einen Tag als wirklich gute und einzigartige Erfahrung aufgenommen habe – hätte ich nicht gedacht, aber nach einem komischen Gefühl am Anfang hab ich das Beten und Singen am Ende eigentlich als relativ angenehm empfunden. Und ich hab fernab der Heimat doch noch auf ganz eigene Weise Ostern gefeiert.
Keine Angst, der eine Tag hat mir schon gereicht; soweit ich jetzt sehen kann, würde ich nie ein Leben lang ins Kloster gehen. Aber ich denke, die Zeit hier in Ghana hat mir die Selbstständigkeit und Offenheit gebracht, neue und ungewöhnliche Dinge einfach mal auszuprobieren – ins Kloster zu gehen, alleine durch ein fremdes Land zu reisen ohne einen festen Plan in der Tasche, jedes noch so seltsame Essen zumindest zu probieren, neue Kulturen kennenzulernen (ghanaisch-amerikanisch-indisch-schottisch-deutsch in fünf Tagen), sich womöglich bald die Haare radikal abschneiden zu lassen und so weiter, und dafür bin ich schon jetzt dankbar. Denn wer kann schon von sich sagen, einen Tag in einem afrikanischen Kloster gelebt zu haben.
Aus Kristo Buase in den örtlichen Trubel zurückzukehren, war dann fast so, wie aus einem Traum aufzuwachen. Plötzlich wieder hupende Autos, laute Musik, aufdringliche Verkäufer, enge, schmutzige Gassen, Obruni-Zurufe von allen Seiten – aber letztendlich eben die Rückkehr in den ghanaischen Alltag, den ich hier zu schätzen und lieben gelernt habe, und der – auch wenn man es sich manchmal erst wieder neu bewusst machen muss – einfach immer noch die größte Faszination von allem ist.
Ein sehr sonderbares Déjà-vu ganz zum Schluss bot die Ankunft in Denkyemuoso: Stromausfall, das ganze Dorf stockdunkel, überall unklare Gestalten, ich selbst verschwitzt, müde, hungrig und erschöpft von einer langen Reise, aber glücklich, angekommen zu sein – genau wie in der allerersten Nacht hier.
Viele von euch werden sich wahrscheinlich fragen, warum ich hier so viel alleine unternehme. Es wäre sicherlich etwas anderes, zu zweit oder in einer Gruppe zu reisen – vielleicht manchmal angenehmer, einfacher, ausgelassener, und ich glaube, nicht viele würden es so machen wie ich. Aber wenn ich so von den Shopping-, Strand- und Partyurlauben anderer Volunteers höre, denke ich mir, das ist nicht das, wofür ich persönlich nach Ghana gekommen bin. Ich freue mich jetzt schon wieder ein klein wenig auf gemeinsame Abende mit euch zurück in Deutschland und ich werde auch hier sicherlich nicht als Eremit leben, aber ich denke, ab und zu bietet das eigenständige Reisen doch die besten Möglichkeiten, seine Wünsche zu erfüllen. Suum cuique, wie der alte Lateiner zu sagen pflegt. Und so ganz alleine ist man hier eh nie, egal ob man nun ghanaische Touristenhelfer, indische Geschäftsleute oder schottische Mönche um sich hat.
Genug der Worte, liebe Grüße nach Deutschland, viel Spaß, Glück und Erfolg bei was auch immer ihr gerade macht und vorhabt! Ich hoffe, ihr hattet schöne Osterfeiertage, habt alle Eier gefunden und euch gehts genauso gut wie mir! Meine Ferien gehen jetzt eigentlich erst richtig los, mal sehen, wohin mich meine neu gewonnene Abenteuerlust treibt 😉
Machts gut,
Matze

PS: Noch eine Anmerkung zum letzten Bericht: Ich hoffe, es kam nicht so rüber, als wäre ich hier in Denkyemuoso am Verzweifeln und würde am liebsten zurückwollen – im Gegenteil. Natürlich sind manche Sachen anders und schwierig für mich, aber mein Wunsch und Ziel war und ist es immer noch, Afrika so kennenzulernen, wie es wirklich ist, und genau das tue ich gerade. Ich bin ja nicht hierher gekommen, um das Paradies auf Erden zu finden (auch wenn mir das in Kristo Buase zufällig geglückt ist), sondern um den Alltag zu erleben und mich Problemen zu stellen. Deswegen finde ich es auch weiterhin einfach nur fantastisch, dass ich in dem, was lange Zeit so fern schien, jetzt doch mittendrin bin. Ein Alltag voller Erfahrungen und Reisen voller Erlebnisse, was will man mehr.

So, das war der Bericht, wie ich ihn eigentlich gestern hochladen wollte. Blöderweise kam dann noch ein kurzer Krankenhausbesuch dazwischen (Verdacht auf Malaria und ich nehm jetzt auch die Medikamente, aber so ganz glauben kann ichs eigentlich nicht, dafür fühl ich mich zu gut). Alles halb so wild, muss man auch mal erlebt haben.
Also nochmal schöne Grüße und bis bald 🙂

Gedankenspiele


Hallo Leute,
schon mehr als einen Monat bin ich jetzt hier in Denkyemuoso. Die Zeit bisher ist einfach nur wahnsinnig schnell vergangen, weil ich in den ersten Wochen hier so viel Neues, Interessantes und Aufregendes gesehen hab, aber wenn unter der Woche morgens der Wecker klingelt, fühlt sich der Alltag doch schon fast so normal an wie zuhause in Deutschland.
Das Unterrichten in der Grundschule ist in letzter Zeit leider vor allem von ernüchternden Erkenntnissen geprägt:
Zum ersten hab ichs jetzt leider auch erlebt, dass Schüler richtig geschlagen wurden. Das war zum Beispiel, als mehrere Leute ziemlich zu spät kamen, oder als die Schüler Wörter in Englisch buchstabieren sollten und nicht konnten, da bekam dann jeder „Schuldige“ einige recht heftige Hiebe auf Rücken oder Schultern. Die Schüler waren zwar beim Buchstabieren echt erschreckend schlecht (dazu gleich mehr), aber gerade da denk ich nicht, dass man mit der Rute viel bewirken kann. Das Ziel sollte ja eigentlich sein, den Schülern beizubringen, dass Lernen extrem wichtig ist, aber auch Spaß machen kann, und so verkommt es zu stupider Zwangsarbeit. Ich hab nicht das Gefühl, dass das Geschlagenwerden die Schüler besonders fertig macht oder verstört, das ist hier eher wie bei uns eine strenge Ermahnung, sie schauen kurz betroffen und machen dann weiter Blödsinn. Aber gerade darin liegt ja eigentlich das Problem, dass Schlagen und Geschlagenwerden hier eben als etwas Natürliches gesehen werden und so von Generation zu Generation weitergetragen werden. Deswegen hoff ich, dass ich der Lehrerin, aber besonders auch den Kindern zumindest ein wenig zeigen kann, dass man mit anderen Methoden als Schlagen mehr Spaß und Erfolg haben kann.
Das zweite Problem ist, dass die Schüler zum Großteil einfach kein Englisch können. Am Anfang dachte ich ja noch, vielleicht liegts an meiner Aussprache, vielleicht müssen sie sich erstmal an den neuen Unterricht gewöhnen und sind noch etwas zurückhaltend und unsicher. Letztendlich musste ich aber leider feststellen, dass sie, auch wenn ich einfachste Aufgaben eins zu eins aus dem Buch an die Tafel schreib (Look at the bar graph: What is the smallest mass? What is the greatest mass?, so in der Art) größtenteils nicht wissen, was sie machen sollen, geschweige denn, dass jemand einen korrekten Antwortsatz auf Englisch schreiben könnte. Bei der erwähnten Buchstabierübung hats eben auch zehn erfolglose Ansätze gebraucht, bis der elfte Schüler mal ‚money‘ oder ein Wort in der Art richtig buchstabiert hat. Letztens bei einer Übung in Mathe hat ein Schüler schon drei Versuche benötigt, bis er mal seinen Namen richtig an die Tafel geschrieben hatte. Und das ist halt schon deprimierend irgendwie, den Unterricht zu halten und zu wissen, dass einem vielleicht fünf von vierzig Schülern so richtig folgen können. Für das Leben hier brauchen die Schüler zwar eigentlich kein Englisch, muss man dazusagen, weil sich die Leute im Alltag eh auf Twi unterhalten, aber trotzdem: Die Schulbücher, Zeitungen, Fernsehsendungen usw. sind auf Englisch und die Schüler, die die Schule hier besuchen, sollen ja eigentlich später mal nen besseren Beruf erlernen können, wozu Englisch einfach grundlegend ist. Da find ichs dann schon hart, wenn in einer sechsten Klasse in einem Land mit Amtssprache Englisch kaum jemand richtig Englisch kann.
Der dritte Punkt ist, dass ich doch immer mehr ins Nachdenken komme (verbunden mit Entsetzen und Enttäuschung), je mehr ich die Unterrichtsmethoden und Kompetenzen der Klassenlehrerin so miterlebe. Nächste Woche stehen hier die Zwischenprüfungen an und ich sollte mal die Matheaufgaben durchschauen, da musste ich dann erstmal die Netze von Würfel und Kegel richtig hinzeichnen. Die letzten Stunden bestanden aus einer „Revision“ für die Exams, welche folgendermaßen aussah: Die Lehrerin hat sich vorne hingesetzt, die Prüfungsbögen ausgepackt und schonmal eins zu eins die Fragen vorgelesen und beantworten lassen, die dann nächste Woche in den Prüfungen drankommen. Das war umso erstaunlicher, da es sich eigentlich hauptsächlich um Multiple-Choice-Fragen einfachster Art handelte, z.B. in Kunst: Which colour do you get, if you mix red and yellow? – a) grey b) pink c) orange d) green. Der dritte Schüler, der aufgerufen wurde, wusste dann immerhin die richtige Antwort. Also da saß ich hinten drin und hab mir nur gedacht, das kann doch echt nicht wahr sein. Die kleinen Kindergartenkinder hier sind zum Teil richtig clever und selbstständiger als bei uns, das macht einen wirklich bedrückt, wenn man sieht, wie sehr dann in der Schule durch Eintrichtern und Auswendiglernen Potenzial kaputt gemacht wird in einem Land, das gute Ingenieure und Wissenschaftler bitter nötig hätte.
So bin ich insgesamt grad ziemlich hin- und hergerissen, was das Unterrichten in der Grundschule betrifft. Einerseits denk ich mir, was hat es für einen Sinn, wenn ich vorne steh und rede und keiner versteht mich, und die Lehrerin sitzt hinten drin und schaut zu. Wärs nicht besser, irgendwo anders zu helfen? Andererseits denk ich mir, bei der Lehrerin lernen vierzig Leute irgendwas auswendig, ohne dass einer danach irgendwas davon anwenden oder weiterführen könnte, bekommen falsche geometrische Formen vorgesetzt und werden geschlagen, wenn sie etwas nicht wissen. Da ist es vielleicht dann doch besser, wenn ich zumindest einem Teil der Schüler mehr Eigeninitiative und Selbstständigkeit antrainieren und den guten Schülern, die es ohne Zweifel gibt, wirklich etwas beibringen kann. Positiv kann ich vermerken, dass ich mittlerweile so ziemlich alle Namen kann, und ich glaub, einige Schüler schätzen das auch schon, dass sie jetzt mal einen anderen Unterricht bekommen. Am Montagmorgen hab ich mal etwas bisschen Religiös-Besinnlicheres probiert, bin mit den Schülern rausgegangen, wir haben uns im Kreis um einen Baum aufgestellt, mal für einen Moment die Augen geschlossen und ich hab eine Schülerin ein Stück Brot an alle verteilen lassen. Ich hab mir gedacht, dass die mal bisschen zur Ruhe kommen, sich nicht ständig angehen und es mal nicht um Lernen und Gehorsam geht. Am Ende wollte ich gemeinsam ein kurzes Gebet sprechen, da ist mir dann leider die Lehrerin zuvorgekommen und hat einen Schüler strammstehen und vorbeten lassen, fand ich nicht so toll. Naja, insgesamt glaub ich, die meisten wussten noch nicht so recht, wie sie das aufnehmen sollen, aber vielleicht versuch ichs in Zukunft nochmal wieder.
Für meine Deutschkurse musste ich die Woche Examensprüfungen zusammenstellen und ich muss sagen, das hat mir ziemlich Spaß gemacht, sich passende Fragen und Aufgaben zu überlegen. Es sind zwar in jedem Kurs nur ein paar Schüler, die den Unterricht wirklich ernst nehmen, die anderen erscheinen meistens gar nicht zu den Stunden am Nachmittag, aber vielleicht ändert sich das ja nach einigen vernichtenden Nullingern in den Prüfungen ;)
Ansonsten zum Schulleben: Letzte Woche war so eine Art Jugend-debattiert-Wettbewerb an unserer Schule, zwei Vertreter von uns gegen zwei von einer Nachbarschule. War eine recht interessante Veranstaltung, es war sogar irgendein Parlamentsabgeordneter zu Gast. Unserer zwei Sprecher haben gewonnen und danach gings ordentlich ab in der Halle, ein paar Lehrer mittendrin im Geschehen.
Außerdem hab ich mal den sonntäglichen Schulgottesdienst besucht, was dadurch ganz interessant war, dass ein Schüler anstelle des nicht erschienen Pfarrers die Messe hielt und Schüler aller möglichen Glaubensrichtungen anwesend waren. Hab leider vom Twi nicht so viel verstanden, aber ab und zu werd mich wohl mal wieder dazugesellen. Über die Rolle von Glauben und Religion hier schreib ich wenn dann mal an eigener Stelle.
Das absolute Highlight der letzten Tage war zweifellos ein Besuch im Owabi Wildlife Sanctuary letztes Wochenende. So ein kleines Naturreservoir mit Stausee, Urwald und viel Ruhe nicht weit von uns entfernt. Wir sind zu dritt hingefahren mit noch einem Volunteer aus Tanoso und haben eine Nacht dort wunderbar gezeltet. Ein Führer hat uns durch die Landschaft um den Stausee geführt, durch Dschungel, Bambus, Bananenplantagen, Wiesen und Sümpfe, meist mit einem einzigartigen Vogelgezwitscher und interessanten Düften um uns herum. Am beeindruckendsten fand ich, auf so großen Rohren, durch die Kumasi mit Wasser versorgt wird, über eine riesige Fläche voll mit Farnen zu laufen, eingebettet zwischen Urwald und Stausee, und wie an einer Schnur durch die Ungewissheit dieser Abenteuerlandschaft gezogen zu werden. Am Abend hab ich mich dann noch allein auf den Staudamm gesetzt (aufgemerkt, jetzt wird’s noch poetischer), der See hat im Dunkeln magisch geglitzert und eine wohltuende Brise hat mir ins Gesicht geblasen, begleitet vom Zirpen der Grillen, Quaken der Frösche und Rauschen des Wasserfalls. Auf den Tag genau ein Monat nach meiner Ankunft in Ghana war vergangen. Ich hab an Zuhause gedacht, an die liebe Familie und an diejenigen von euch, die sich zu gleicher Zeit auf Jans Feier vergnügt haben. Aber ich hab mir auch gedacht, die Zeit hier vergeht so schnell, was sind schon ein paar verpasste Feiern im Vergleich zu dem Ort, an dem ich mich gerade befinde. Und ich war richtig froh, den Schritt hierher gewagt zu haben. Auch deshalb, weil ich gemerkt hab, dass ich meine Familie, Verwandten und Freunde noch mehr schätze, seit ich sie vermisse.
Abrupter Bruch, zurück zum Alltag:
Was ich schon länger mal erwähnen wollte, weil es mich hier schon sehr beschäftigt, ist die Verschmutzung und Zerstörung von Natur und Umwelt, wie sie hier, wenn man sich nicht gerade in Owabi befindet, allgegenwärtig ist. Allein im unmittelbaren Umkreis der Schule gibts einen kleineren und einen richtig großen Berg aus Plastikmüll und sonstigem Unrat, die in regelmäßigen Abständen einfach abgefackelt werden. Auch sonst ist die Landschaft in der Regel mehr oder weniger übersät mit Müll, vor allem mit den kleinen schwarzen Tüten, die man bei jedem Einkauf bekommt, und mit den durchsichtigen Tüten, in denens das Trinkwasser gibt. Auch Batterien, Rasierklingen, alte Medikamente und sowas werden einfach irgendwo ins Gebüsch oder in die Wiese geworfen. Spül- und Waschwasser werden an Ort und Stelle ausgekippt, sodass sich auf oder neben den Sandstraßen überall kleinere und größere Rinnen gebildet haben, in denen dann zum Teil richtig ekliges giftgrünes Schmutzwasser zusammen mit allerlei rumschwimmendem Abfall in die nächste Senke fließt. Von dem Dreck und Müll, der rumliegt, ernähren sich die Ziegen, Hühner und anderen Tiere auf der Straße, von denen man dann (ich versuchs nicht zu oft zu tun) Fleisch und Eier isst, keine so tolle Vorstellung. Wenn nicht das Bread and Egg so unglaublich lecker wäre …
Das Problem ist, dass ich nicht weiß, wie ich es groß anders machen kann als die Leute hier. Ich schütt mein Seifenwasser in die Dusche in der Hoffnung, dass es so in irgendeine Kläranlage kommt, aber so sicher bin ich mir da auch nicht. Zur Müllentsorgung bleibt einem eigentlich nichts anderes übrig, als die Müllberge zu vergrößern, weil man auf Fragen, wo man denn seinen Müll sonst hinbringen kann, keine andere Antwort bekommt. Die Leute lachen schon immer, wenn ich wieder mit meiner Stofftasche zum Einkaufen ins Dorf lauf. Wenn man sagt, man möchte keine Plastiktüte, oder auch das Ganze noch durch Gestik und Mimik untermalt, schauen einen die Verkäufer meist an wie einen Wahnsinnigen, auch die, bei denen man glauben könnte, sie haben zumindest den Inhalt der Bitte verstanden. Ich reiß ihnen dann manchmal einfach freundlich das Zeug aus der Hand und stecks in meine Tasche, das begrüßen sie dann in der Regel doch, denk ich (sparen sich ja auch ne Tüte) . Das ist echt schlimm, dass die Leute hier größtenteils überhaupt kein Bewusstsein für Umweltschutz haben. Man bekommt zum Teil alles einzeln und dreimal verpackt (in einem Pack Klopapier ist zum Beispiel jede Rolle nochmal einzeln eingeschweißt), Margarine und Tomatenmark gibts (nicht nur, aber auch) in winzigen 50g(oder so)-Schachteln bzw. -Dosen, statt wechselbaren Klingen gibt’s vor allem Einwegrasierer, und wenn die Berufsschüler zum Duschen gehen (der Waschraum ist gleich neben unseren Zimmern), hört sich das meistens nach fröhlicher Schaumparty an.
Positiv ist, dass zumindest Gläser und Dosen eigentlich kaum weggeschmissen werden, sondern als Aufbewahrungsbehälter oder so aufgehoben werden. Außerdem muss man natürlich sagen, dass ein Einkauf auf dem Markt hier immer noch deutlich weniger Müll produziert als ein Einkauf bei uns im Supermarkt. Zum Wäschewaschen, Körperwaschen und Spülen gibts halt zum Beispiel normalerweise ein Stück Seife und nicht tausend verschiedene Behälter Wasch-, Dusch und Spülmittel. Allerdings steigen natürlich auch hier die Ansprüche nach mehr Komfort, immer mehr importierte „Supermarktartikel“ werden verkauft, mehr Leute können sich ein eigenes Auto leisten, die Reichen bauen sich einen Pool in den Garten usw.
Einerseits freut man sich natürlich, wenn der Standard hier steigt, aber andererseits, wenn man an das hohe Bevölkerungswachstum in Afrika und dann an die Umwelt denkt, kommt man schon auch sehr ins Nachdenken. Schmutzige Gewässer, verödete Landstriche, Müllberge, die Luft voller Staub und Abgase und dazwischen überall Kinder über Kinder, die meisten ohne ausreichende Bildung, aber alle mit großen Wünschen und Bedürfnissen. Schon jetzt denk ich mir jedesmal, wenn wir nach Kumasi ins Zentrum fahren, die Stadt platzt einfach nur vor Menschen, Waren und Fahrzeugen. Und man fragt sich, wie unsere liebe Erde das in Zukunft nur aushalten soll, grade wenn man bedenkt, dass es an vielen Orten auf der Welt ja noch schlimmer ist als in Ghana.
Naja, genug davon, ein wenig übertrieben hab ich wohl doch, wo ichs mir jetzt so zum zweiten Mal durchlese. Keine Angst, ich ersticke nicht in Müllbergen.
Afrika hat seinen eigenen Rhythmus, die Menschen hier leben anders, aber ich denke zufrieden, und wer weiß, was die Zukunft Glorreiches für uns bereithält :)
In diesem Sinne sei‘s genug. Ihr merkt, der ganze Bericht dreht sich nur ums Nachdenken, aber das nicht ganz zu unrecht. Ich mach mir hier echt, noch viel intensiver als davor, über alles Mögliche meine Gedanken, über die Zukunft, über meine Aufgaben, über Mensch und Natur, über Glauben, über Ziele und Wünsche und zuletzt darüber, was ich studieren soll, wenn ich zurückkomm, wobei nach diesem Bericht wohl Philosophie angebracht wäre. Mal schauen, Landschaftarchitektur klingt ganz gut eigentlich, dann könnte ich der Umwelt mal was Gutes tun.
Also bis zum nächsten Mal, und ich sags gleich: Wer denkt, so langsam müssten mir doch mal die Themen ausgehen, der hat sich getäuscht. Außerdem haben wir bald Ferien und ich hoffe, dass da dann wieder einige spannende Erlebnisse hinzukommen.
Relativ liebe Grüße ;)
Matze

Mal wieder Lese-Nachschub


Nicht viel Zeit ist vergangen seit dem letzten Bericht und doch gibts schon wieder einiges zu erzählen.

Zunächst mal hab ich ja vor etwa eineinhalb Wochen angefangen, hier zu unterrichten. Also ich hab jetzt in einer 6. Klasse (gehört in Ghana noch zur Primary School) den Matheunterricht und eine Stunde Englisch-Writing von der Klassenlehrerin übernommen und mache zwischendurch auch immer mal wieder Kunst mit den Schülern. Der Start hat auch ganz gut geklappt denk ich (Einführung in Geometrie), den Unterricht auf Englisch zu halten krieg ich hin (gibt leider ein paar Schüler, die wahnsinnig schlecht Englisch können) und ich hab mir erstaunlich schnell schon einige Schülernamen merken können.

Da die Klassenlehrerin meistens noch bei mir zuschaut und ich bei ihr, wurden aber auch schnell die Unterschiede zwischen der Schule hier und in Deutschland und die damit verbundenen Schwierigkeiten deutlich. Die Schüler sind es einfach überhaupt nicht gewöhnt, mit in den Unterricht einbezogen zu werden, Transferaufgaben zu lösen oder kreativ zu werden, weil das bis jetzt offensichtlich niemand von ihnen verlangt hat. Die letzte Science-Stunde sah zum Beispiel so aus, dass die Lehrerin eine relativ komplizierte Definition mit allerlei Fachbegriffen an die Tafel geschrieben hat, welche dann dreimal von den Schülern im Chor wiederholt wurde und in der Übungsaufgabe am Ende der Stunde noch einmal eins zu eins wiedergegeben werden sollte.

In Mathe haben wir jetzt z.B. Netze von Raumkörpern durchgenommen und in der Stunde die Beispiele Würfel, vierseitige Pyramide und fünfseitige Pyramide besprochen. Als ich das in der nächsten Stunde abgefragt hab, konntens die meisten einigermaßen gut hinzeichnen. Dann hab ich noch nen Quader und ne dreiseitige Pyramide an die Tafel gemalt und wollte von ihnen das Netz haben, damit waren sie dann aber vollkommen überfordert und haben nur nochmal irgendwelche bereits bekannten Netze hingezeichnet. Das hat mir schon ziemlich zu denken gegeben, weil ich das Thema eigentlich echt ausführlich besprochen hab und auch alle möglichen Formen aus Papier gebastelt hab. War wahrscheinlich ein bisschen zu viel verlangt für den Anfang, weil die Schüler vermutlich bis jetzt nur Körper von der Tafel abzeichnen mussten, ohne wirklich ein räumliches Vorstellungsvermögen zu bekommen, und wahrscheinlich auch zum ersten Mal Formen in gebastelter, dreidimensionaler Form gesehen haben.

Anderes Beispiel, auch wenns wohl schon langweilig zu lesen wird: Ich hab nen Kreis an die Tafel gemalt, zigmal Radius und Durchmesser eingezeichnet und gefragt, wie die zwei zusammenhängen. Verständnislose Blicke. Dann hab ich hingeschrieben: Radius = 1/3 Durchmesser, stimmt das?, und alle haben im Chor ja geantwortet. Also mal schauen, wies jetzt weitergeht, Spaß machen tuts auf jeden Fall trotzdem und ich hab eine interessante, anspruchsvolle Aufgabe zu bewältigen. Das nächste Thema in Mathe ist das Untersuchen von Tabellen und Daten, das klappt dann vielleicht auch besser.

In Kunst wollte ich in der ersten Stunde, dass sie ein paar Sachen zeichnen, die für sie typisch für Ghana sind, und hab halt an der Tafel paar Beispiele gegeben, aber ausdrücklich gesagt, sie sollen sich eigene Sachen überlegen. Haben dann natürlich nur die wenigsten gemacht, was aber laut meinem Papa bei ihm im Kunstunterricht genauso ist 😉 Jedenfalls haben sie zum Teil echt sehr schön und gut gezeichnet. In der nächsten Stunde wollt ich sie dann eine Landschaft zeichnen lassen, wieder das gleiche Problem. Dann ist allerdings die Lehrerin durch die Reihen gegangen und hat glaub ich, so bisschen auf Englisch, mehr auf Twi, gesagt, sie sollen schön sauber das von mir an der Tafel abzeichnen, was natürlich einiges erklärt.

Sonst so allgemein zur Schule: Ich hab jetzt vor allem die Probleme aufgezählt, aber es ist auf der anderen Seite natürlich auch sehr interessant, schön, aufschlussreich und die Schüler sind teilweise richtig lieb. Mit der Lehrerin komm ich auch ganz gut klar, das ist halt einfach so, dass hier einige Sachen anders sind als bei uns, vor allem muss man bedenken, wie die Lehrerin selbst vor 20-30 Jahren wahrscheinlich erzogen wurde und was sie für eine Ausbildung gemacht hat. Meistens ist der Unterricht auch nicht so diszipliniert und streng, wie das jetzt hier vielleicht klingt, es wird auch wirklich viel gelacht, mal zusammen getanzt und gesungen und vieles ist es auch nicht groß anders als bei uns.

Dass Kinder geschlagen werden, hab ich bis jetzt zum Glück noch nicht richtig heftig erlebt (Lisa im Kindergarten leider schon). Einmal ist die Lehrerin mit ihrem Stock, der schon immer griffbereit im Klassenzimmer liegt, durch die Reihen gegangen und hat mal eher spaßhaft auf den Tisch geklopft, mal aber auch ernstgemeint und fester einigen Schülern auf Rücken oder Schultern geschlagen. Da musst ich dann zwar einerseits feststellen, dass auch ich nicht davon verschont bleibe, aber andererseits sind glaub ich auch Anzeichen für eine Besserung feststellbar, auch wenn das noch einige Zeit dauern wird. Zumindest hab ich noch nicht mitbekommen, dass jemand vor der Klasse richtig verprügelt oder bloßgestellt wurde. Vielleicht machen das die Lehrer auch nur, wenn ich nicht dabei bin, ich weiß es nicht. Das größte Problem beim Schlagen ist meiner Meinung nach, dass sich das so extrem auf die Schüler überträgt, und die wirklich bei jeder Kleinigkeit anfangen, sich gegenseitig anzugehen, eine runterzuhauen oder sich mit Sachen zu bewerfen, das ist echt traurig manchmal.

Was für uns auch ungewohnt ist, die Lehrerin isst oder telefoniert im Unterricht, wenn die Schüler gerade mit Stillarbeit beschäftigt sind, schickt Schüler los, um ihr etwas zu essen oder zu trinken zu holen, oder unterhält sich einfach mal eine halbe Stunde mit einer Kollegin und die Schüler machen, was sie wollen. Also das wechselt sich immer so ab, mal strenger Unterricht und dann geht’s wieder total locker zu und die Lehrer können sich glaub ich auch nicht so richtig entscheiden, was ihnen lieber ist.

Neben dem Unterricht in der Grundschule versuch ich noch dreimal die Woche, den älteren Berufsschülern hier ein bisschen Deutsch beizubringen. Das beschränkt sich zwar trotz dem, dass die meisten eigentlich schon ein halbes bzw. eineinhalb Jahre Deutsch hatten, auf grundlegende Sachen wie Begrüßung, Hobbies, Zahlen und Wochentage, aber es macht echt richtig viel Spaß. Ich komm mit den Schülern super klar und einige wollen sogar noch freiwillig Extrastunden haben, um die German language zu lernen (vor allem natürlich deshalb, weil sie denken, sie lernen mal schnell Deutsch und können dann nach Deutschland kommen). Naja, die Probleme fangen bei der richtigen Aussprache an und in die Tiefen der deutschen Grammatik brauch ich glaub ich eh nicht vorzudringen, aber was solls: Ich denke jedes Wort, jeder Satz ist ein kleiner Gewinn für die Schüler und mich und kürzlich hab ich eh irgendwo gelesen: Das Leben ist zu kurz, um Deutsch zu lernen.

Genug von der Schule, was war sonst noch los:

Am 6. März war der ghanaische Independence Day und das wollten wir natürlich auch miterleben. Wir hatten gehört, dass im Stadion in Kumasi ein großes Fest stattfindet und sind da hin. Weil dort dann aber erstaunlich wenig los war und dafür relativ viel Eintritt verlangt wurde, bin ich als alter Stadiontourist auf eigene Faust rein. Waren etwa zehn Leute drinnen, obwohl die Show schon vor einer halben Stunde hätte anfangen sollen. So konnte ich dafür in Ruhe das Stadion erkunden und hatte von ganz oben auch noch einen herrlichen Blick über Kumasi. Mit der Zeit rührte sich dann auch auf dem Feld etwas und die Haupttribüne war mittlerweile gut gefüllt. Es begann zwar nicht, wie ichs mir vorgestellt hatte, eine Darbietung in der Art wie z.B. bei olympischen Eröffnungsfeiern, aber ein kleiner Gottesdienst, den ich mir noch eine Zeit lang anschaute und dann gemütlich noch ein wenig durch Kumasi lief, vorbei an Handwerkermärkten, einer Moschee und der weithin sichtbaren katholischen Kathedrale, errichtet in der Kolonialzeit, was den Bogen zum Unabhängigkeitstag schließt.

Letzten Samstag haben wir das Unigelände von Kumasi besucht, ein sehr schönes, weitläufiges Areal. Ich hab die meiste Zeit im botanischen Garten dort verbracht, war echt toll. Palmen, Bambus, Pinien, Termitenhügel, allerlei interessante Gewächse und Früchte und vor allem Ruhe und Besinnlichkeit, was sonst in Kumasi eher schwer zu bekommen ist. Im Schatten der Bäume hatten sich verschiedene Gruppen zu Gottesdiensten und Andachten versammelt und sangen und trommelten angenehme Rhythmen, zu denen ich richtig entspannt durch den Park schlendern konnte. Am Ende befanden sich noch einige Bäume, die am hellichten Tag von riesigen Horden Fledermäusen besetzt waren, die bei meinem Näherkommen wild über mir durch die Lüfte flatterten und ein beeindruckendes Schauspiel darboten (es blieb zum Glück bei der Befürchtung, dass mir eine davon auf den Kopf macht).

Am Sonntag war ich dann noch mit einem der Schüler zum zweiten Mal im Stadion, diesmal zum Erstligaspiel Asante Kotoko (der Heimverein aus Kumasi und aktueller Tabellenführer) gegen die Wa Allstars. Das Stadion war nun auch sehr gut gefüllt, Kotoko siegte relativ problemlos 2:0 und wir hatten einen schönen Nachmittag ganz nach meinem Geschmack. Einmal war ich kurz geschockt und dachte, im gegenüberliegenden Block gehen üble Randale los, bis sich herausgestellt hat, dass sich die Leute da nur eine fröhliche Wasserschlacht mit Tütenwasser geliefert haben 🙂

Die letzten zwei Tage gings mir zum ersten Mal nicht besonders gut, die typischen Reisebeschwerden und ich fühlte mich ziemlich matt und war auch nicht in der Schule. Hab aber gleich mit den Leuten hier gesprochen und Malaria wäre schon nochmal ein Stück übler gewesen. Also ich befind mich schon wieder auf dem Weg der Besserung, keine Sorge, und ich habs jetzt heute ja immerhin schon wieder ins Internetcafé in Tanoso geschafft.

Damit belass ichs bei einigen wenigen kurzen Zeilen und melde mich nächstes Mal wieder ausführlicher 😉

Liebe Grüße nach Deutschland, ich fang so langsam an, euch zu vermissen 😉

Matze

Ps: Supercool, meine Hände werden schon ein bisschen afrikanisch, man sieht richtig die Grenze zwischen hell und dunkel 🙂

Heute war mein …


Heute war mein erster Arbeitstag und es war doch schwieriger als erwartet, da ich meine Vorbereitungen für den Deutschunterricht gleich verwerfen konnte. Anscheinend haben sie nämlich im letzen halben Jahr nichts gelernt außer das ABC also haben wir mit den Basics wie dem Vorstellen angefangen. Jedoch ist es sehr schwierig, eine Klasse mit 16 bis 19 Jährigen zu motivieren oder sich Respekt zu verschaffen, da sie vielleicht einen anderen Umgangston gewöhnt sind und ich es eher auf die freundliche Art versucht habe und eigentlich auch so beibehalten möchte ohne laut zu werden.

Den restlichen Tag war ich dann im Kindergarten, was wirklich sehr schön war aber auch sehr anstrengend, wenn ungefähr 100 Kinder auf einen zulaufen, hochgenommen werden wollen oder einen wenigstens irgendwie anfassen wollen. Auch unterhalten kann man sich mit ihnen nicht wirklich, da sie hauptsächlich Twi sprechen und erst jetzt mit Englisch anfangen.

Und auch wenn ich schon mit dem Headmaster und vielen Lehrern über das schlagen geredet habe und sie auch wissen was ich davon halte, musste ich heute leider mit ansehen wie einige mit dem Stock oder mit der Hand auf den Kopf geschlagen wurden und mir selber die Tränen kamen als dann einer neben mir lag und geweint hat. Durchsetzen kann ich mich eh nicht wirklich, entweder weil sie mich nicht verstehen oder es einfach nicht gewöhnt sind, dass man einen Konflikt mit Worten schlichten möchte. Und als ich dann alleine in der Pause war mit 2 weinenden Kindern aufm Arm, gleichzeitig versucht habe 2 Jungs ihre Stöcke aus der Hand zu nehmen mit denen sie sich gegenseitig schlagen und dann ein Dritter plötzlich eine Glasplatte holt, damit um sich schlägt und die dann natürlich in tausend Splitter zerbricht, wusste ich wirklich nicht mehr was ich machen sollte und war froh als mir dann endlich jemand zu Hilfe gekommen ist.

Es gab heute aber auch wirklich sehr schöne Momente im Kindergarten, alleine wie sehr sie sich freuen wenn man mit ihnen spielt oder sie auf den Arm nimmt und wenn mein Sonnenbrand weg ist wird’s auch nicht mehr so wehtun wenn plötzlich ein Kind auf meinen Rücken springt J Und es ist immer wieder schön wenn die Kleinen einem im Dorf Madame Lisa zurufen und sich freuen, wenn sie uns sehen! Die Reaktion der Kinder auf uns „Abroonies“ ist eh ziemlich unterschiedlich, manche schauen einen nur mit großen Augen an und wenn man auch nur einen Schritt auf sie zugeht, rennen sie ängstlich davon oder sie sind so neugierig, spielen in meinen Haaren rum und begleiten uns ein Stück vom Weg.

Am Wochenende bin ich spontan mit 3 anderen an den See gefahren (daher auch der Sonnenbrand…) und auch wenn es ziemlich lange gedauert hat, hat es sich auf jeden Fall gelohnt und wir werden öfters hinfahren!

Die nächsten 2 Tage sind erstmal frei, für den Unabhängigkeitstag morgen versuchen wir relativ früh nach Kumasi zu kommen da dort anscheinend was Großes geplant ist! Am Donnerstag lerne ich dann wie man Fufu macht im Haus einer Lehrerin aber mal schauen wie weit ich komme mit meinen wahnsinnigen Armmuskeln…

Sonst ist eigentlich nicht so viel passiert, außer dass ich langsam auch alleine in zurechtkomme und auch keine Angst mehr habe alleine mit dem Trotro in die Stadt zu fahren oder Abends bisschen rumzulaufen und ich fühl mich langsam auch richtig wohl, sagen auch viele dass man mir das Ansieht J Es wird zwar noch ein bisschen dauern bis ich selber realisier dass das hier jetzt erstmal mein zu Hause ist weil ich erst seit 9 Tagen hier bin und es mir eher vorkommt als wär ich im Urlaub aber das kommt schon noch!

Ganz liebe Grüße nach Hause, ihr wisst dass ihr mir trotzdem alle sehr fehlt aber dafür sind unsere kurzen Telefongespräche umso toller!

Zwei neue Praktikanten


Wieder machen sich zwei Praktikanten, Lisa Kreilinger und Matthias Oberfrank, nach Ghana auf, um ein sechs Monate in Denchemouso zu leben und zu arbeiten.

Lisa wird am Albert Osei-Wusu Kindergarten anfangen, der im letzten Sommer in ein neues Gebäude umgezogen ist. Matthias wird an der Primary & Junior Secondary School in Denchemouso als Aushilfslehrer arbeiten.

Wir wünschen beiden eine spannende Zeit.